Phantastischer Montag: Wenn der Winter beginnt

„Ich hasse Weihnachten“, murmelte ich vor mich hin. Natürlich nicht leise genug für Drachenohren. Ein schillernd blauer Blitz sauste um meinen Kopf, wieder und wieder, bis mir ganz schwindelig wurde. „Kannst du damit mal aufhören?“, fragte ich – etwas lauter und ohne große Hoffnung, dass es Wirkung zeigen würde. Zu meiner Überraschung landete der kleine blaue Drache, den ich vor einigen Monaten in meiner Sockenschublade (meiner Wohnhöhle, meinst du) entdeckt hatte, vor mir auf dem Schreibtisch. Genauer gesagt: meiner Tastatur. Was mich effektiv am Weiterarbeiten hinderte. Ti’run interessierte sich nicht für Deadlines. (Pausen sind wichtig. Du solltest mehr Pausen machen. Weißt du selbst.) Der kleine Drache machte es sich auf der Tastatur bequem. Ich konnte gerade noch Strg-S drücken, bevor Ti’run meine Finger sanft aus dem Weg schob.
„Was ist das mit diesem Weihnachten?“

„Religiöse Feiertage, die mit kapitalistischem Konsumterror einhergehen, der spätestens im Oktober startet und mit den Wochen immer nervtötender wird.“
„Aha.“ Ti’run strich mit einer Flügelspitze über die Tasten. yyyxxfffffffnnnnnnnnnnnnnn – ich stoppte ihn mit einem Finger. Statt mit der üblichen Empörung zu reagieren, wickelte Ti’run den Flügel um meinen Zeigefinger und hielt ihn fest. Für so einen kleinen Drachen hatte er ganz schön Kraft. „Ich habe zwar immer noch keine Ahnung, wovon du sprichst“, sagte er, „aber es klingt, als könntest du eine Auszeit brauchen.“

Manchmal ist es schwer, kleinen Drachen zu widersprechen. Ich seufzte. Eine Auszeit klang zu verlockend. Vorsichtig hob ich meine Hand. Ti’run gab meinen Finger nicht frei und baumelte daran, schaukelte hin und her. Für so einen kleinen Drachen hatte er ganz schön Gewicht. „Du solltest mal weniger Feuersteine essen“, sagte ich zu dem vor meinem Gesicht hin und her schwingenden Drachen.

„Ganz und gar nicht!“ Da war sie, die Empörung. „Dann würde ich ja auch weniger Feuer spucken!“

Ich betrachtete die angesengten Enden meiner Bleistifte, die schwarzen Löcher auf der Schreibtischplatte. So schlimm wäre das gar nicht. Aber das sagte ich nicht laut — dafür war Ti’run zu nah an meinen Haaren. Und mir gefielen auch die Blicke nicht, mit denen er die überall verstreut herumliegenden Papiere musterte. Rechnungen, Verträge, Bankauszüge, Manuskriptanfänge, halb geschriebene Briefe, Notizen zu noch mehr Geschichten als ich angefangene wie fertige Manuskripte hatte, Ideen, die einfach keine Ruhe geben wollten und mich genauso vorwurfsvoll anblickten wie die Mahnung für die GEZ-Gebühr. „Ja, ja“, murrte ich, „ihr kommt alle noch dran. Geduld.“

Ti’run stieß einen Seufzer aus – ohne Feuer – und gab meinen Finger frei. Ich starrte wieder auf den Bildschirm, versuchte nicht zu sehen, wie Ti’run auf dem gefährlich schwankenden Stapel Notizbücher neben meinem Laptop landete. Ich tippte vor mich hin, während er mit ausgestreckten Flügeln auf dem Notizbuchturm balancierte, bis der stillstand. Immerhin. Das war nochmal gutgegangen.

Ich tippte.
Es war verdächtig ruhig neben mir.
Ich tippte.

Immer noch kein Mucks. Ich tippte weiter und schielte kurz zur Seite. Keine Flammen. Erleichtert wandte ich mich wieder dem Bildschirm zu. Wenn ich diese Stelle richtig hinbekam, konnte ich für heute beruhigt Schluss machen.
Ich tippte. Zögerte. Löschte. Fing von vorn an. Tippte. Besser. Etwas zumindest. Vielleicht. Na ja, oder –

Ein Windhauch streifte mein Ohr. „So kannst du das nicht schreiben.“
Toll. Ein Drache, der meiner inneren kritischen Stimme recht gab. Genau, was ich brauchte. Ti’run stieß sich von dem Notizbuchstapel ab, die Notizbücher ergossen sich über die Tastatur. Ti’run landete auf meiner Schulter.

Ich saß einfach da, die Finger unter Notizbüchern begraben und fragte mich, ob ich mir ein Büro leisten konnte. Oder wenigstens eine Wohnung mit einem abschließbaren Arbeitszimmer.

„So fühlt sich das nicht an“, schnaufte Ti’run an meinem Ohr.
Ich verschränkte die Arme. „Und wie fühlt es sich dann an?“
„Unbeschreiblich.“ Ti’run hob und senkte die Flügel. „Das musst du selbst erleben.“
Ich gab keine Antwort. Schließlich machte es keinen Sinn, sich das Unmögliche zu wünschen. Ich konnte allerdings auch nicht stillschweigen. Immerhin hatte ich hier ein Wesen auf meiner Schulter, das aus eigener Erfahrung wusste, wie sich das anfühlte. „Versuch es doch wenigstens mal, ja?“ Ich kraulte Ti’run am Hals, dort, wo der einen Knick machte. „Beschreib es mir.“

Der kleine Drache reckte den Hals und seufzte wohlig. Schnurrte. Und schüttelte dann meine Finger ab. Räusperte sich. „Ich kann es dir nur zeigen.“ Ti’run flog von meiner Schulter zurück auf den Schreibtisch, begann mit der Schnauze die Notizbücher von der Tastatur zu schubsen. Hastig räumte ich sie außer Reichweite von potentiellen Drachenflammen. „Du hast nämlich Glück“, fuhr Ti’run unbeeindruckt fort. „Heute beginnen die Rauhnächte.“
„Ich weiß.“

Der kleine Drache musterte mich mit schräg gelegtem Kopf. „Das bezweifle ich.“ Ti’run kratzte sich mit einer Kralle die Schuppen über den Augen. „Kannst du ein Geheimnis bewahren?“

Ernsthaft? Ich bewahrte seit Monaten die Existenz eines kleinen Drachens in meiner Wohnung – wobei besagter Drache nicht gerade half (ich sage nur: Halloween). Und dann kam diese Frage?

Ich atmete tief durch und nickte. Ti’run starrte mich aus dunklen Augen an, bis die Stille mich zappelig machte. Kam jetzt die Ankündigung des Weltuntergangs? Nach diesem Jahr hielt ich das nicht einmal für absurd.

„Die Rauhnächte sind Drachennächte“, flüsterte Ti’run. Und schaute mich dann an, als wäre damit alles gesagt. Als müsste ich wissen, was das bedeutete. Ich schaute zurück.

Ein Seufzer, der den ganzen kleinen Drachenkörper erschütterte, hallte über den Schreibtisch. „Hast du ein Glück, dass ich Geduld mit dir habe. Also. Du musst dich für die nächsten zwölf Tage und Nächte bei allen abmelden, die dich womöglich treffen möchten. Dann musst du unsere gesamte Wohnhöhle für unsere Abwesenheit bereit machen. Und -“ Ti’run hob warnend eine Kralle, und ich schloss den Mund, schluckte meine Fragen. „Und du musst ein Fenster öffnen, damit wir hinaus und später wieder hinein kommen.“

„Weißt du, wie weit oben wir sind? Wo wollen wir überhaupt hin? Du weißt schon, dass das mit dem Reisen gerade nicht ange-“

„Wir fliegen“, unterbrach mich Ti’run und breitete die blau glänzenden Flügel aus. „Denn in den Drachennächten können Drachen, die mit Menschen zusammenleben, ihrem Menschen Drachengestalt geben.“

Ich schluckte. Und schluckte noch einmal. Zupfte an den Ärmeln meines Hemds. Schluckte. „Was? … wie?“

„Es klappt nur, wenn der Drache dem Menschen vertraut.“ Ti’run rollte sich neben meiner Tastatur zusammen. „Vorwärts. Du hast eine Menge zu tun.“

Ich musste erst noch ein paar Mal schlucken, bevor ich mich rühren konnte. Ein Autoresponder war schnell eingerichtet (Keine Sorge, wenn ich in den nächsten Tagen nicht antworte, befinde mich bis Anfang Januar im Schreibexil und bin daher offline). Zum ersten Mal überhaupt sprach ich einen Text für meine Mailbox ein (Ich nutze die Zeit zwischen den Jahren kreativ und bin daher nicht erreichbar. Melde mich ab Januar zurück). Dann schaltete ich das Handy aus und fuhr den Computer hinunter.

Schon kam mir die Wohnung viel ruhiger vor. Ich drehte eine Runde, zog Stecker aus Steckdosen, versicherte mich, dass alle Wasserhähne zugedreht waren. Stellte die Heizung ab. Draußen dunkelte es bereits, aber hier drinnen brauchten wir kein Licht, weil vom S-Bahnhof gegenüber genug Helligkeit in die Wohnung strahlte.

Am Fenster zögerte ich. Wenn ich das jetzt öffnete, dann glaubte ich ernsthaft, dass ich die nächsten zwölf Tage und Nächte als Drache verbringen würde. Herzrasen reichte da als Wort gar nicht. Ich drehte den Fenstergriff und ließ die kühle Luft hinein.

Da draußen wartete die längste Nacht des Jahres auf uns.

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