(im August widmen wir uns beim phantastischen Montag dem Genre Romantasy)
Roman Tasy stand auf der Visitenkarte. Vermittlungen. Ich drehte sie hin und her. Las die Anleitung auf der Rückseite zum ich-weiß-nicht-wievielten Mal. Sie war kleingedruckt. Sehr klein gedruckt. Wahrscheinlich steckten tausend Fallstricke in dem Text. Und mehr.
Mir wäre schon wohler gewesen, wenn wenigstens eine Berufsbezeichnung auf der Karte gestanden hätte. Matchmaker. Flaschengeist. Hexe, Spezialgebiet Liebeszauber. Gute Fee. Liebesgöttin. Kobold. Dämonin. Das hätte wenigstens einen Anhaltspunkt gegeben dafür, wen man da heraufbeschwor, wenn man der Anleitung folgte. Aber weder verriet mir das die Karte, noch hatte Nanna ein Wort darüber verloren, als sie mir die gestern in die Hand gedrückt hatte. „Hier, das ist alles, was du brauchst“, waren ihre einzigen Worte dazu gewesen. Auf alle meine Nachfragen hatte sie nur sanft lächelnd den Kopf geschüttelt. „Du wirst schon sehen. Vertrau mir.“
Vertrauen – das genau war der Haken. Seit Lare mich von einem Tag auf den anderen verlassen hatte – ohne Erklärung, ohne sich je wieder zu melden (erst durch Dritte und über viele Ecken hatte ich gehört, dass sie weder gestorben, noch entführt oder sonstwie brutal aus meinem Leben gerissen worden war) -, seitdem war das so eine Sache mit dem Vertrauen und mir. Es war mir abhanden gekommen. Genauso spurlos verschwunden wie Lare.
Nur war da jetzt, fünf Jahre später, diese verflixte Sehnsucht erwacht. Was ich auch tat, sie ließ sich nicht vertreiben. Bei all meinen Schuppen und Krallen hatte ich mir geschworen, mich nie wieder auf eine andere einzulassen! Und jetzt war sie da, diese Sehnsucht, und verlachte meine Schwüre. Wollte mir einreden, die seien nur ein Produkt von Verzweiflung und Trauer und Wut – und vor allem von Angst.
Ich peitschte meinen Schwanz von einer Seite zur anderen, hin und her und her und hin. Ich schlug mit den Flügeln, wetzte die Krallen, knirschte mit den Zähnen, spuckte Feuer und Qualm und Asche und Rauch.
Ich habe keine Angst!
Beweis es, stichelte die Sehnsucht.
Ich sank zu Boden und legte den Kopf auf die Vordertatzen. Ich muss dir gar nichts beweisen, grummelte ich. Die Sehnsucht lächelte nur. So, wie auch auch Nanna gelächelt hatte. Ich seufzte.
Ich sehnte mich nach einer, die lächelte, wenn sie Kaffee roch, weil sie dann an mich denken musste. Nach einer, die Lieblingssammelstücke bei mir „vergaß“ und nur halb leer getrunkene Teetassen herumstehenließ, weil wir mitten im Tee-Kaffee-Klatsch von schöneren Dingen abgelenkt worden waren und sie kalten Tee nicht mochte. Ich sehnte mich nach einer, die es nicht mochte, wenn ich eine Verabredung wegen eines Notfalls absagen musste und darauf bestand, dass wir umgehend eine neue vereinbarten.
Nach einer, die mir, einfach so, einen Brief schrieb, weil sie wusste, wie sehr ich mich darüber freute. Nach einer, deren Geruch ich in jeder Lebenslage kannte und mochte. Nach einer, die mit mir im Regen spazierenging, mit mir bei Sonnenschein wie Sturm die Flügel ausbreitete und lachte und flog. Mit der ich Nächte lang über magischen Problemen brüten konnte, um dann gemeinsam von meinem Lieblingsfelsen aus dem Sonnenaufgang zuzusehen, bis wir aneinandergeschmiegt einschliefen.
Und so sehr ich dieser Sehnsucht auch zu erklären versuchte, dass ich allein besser dran war, weil wenn ich allein blieb, konnte ich nicht verlassen werden, die verflixte Sehnsucht hörte einfach nicht auf mich! Sie blieb. Hartnäckig.
Stur.
Und jetzt war da diese Karte.
Roman Tasy.
Vermittlungen.
Ich seufzte. Ich könnte versuchen, mich mit der Sehnsucht zu arrangieren, mit ihr zu leben. Das wäre schließlich auch eine Art von Beziehung. Nur – sie machte mich wirklich übellaunig. Die einzige, die noch Geduld mit mir aufbrachte, war Nanna. Und da sie mir diese Karte gegeben, geradezu aufgenötigt hatte, war es um ihre Geduld wohl auch nicht mehr allzu gut bestellt.
Wenn ich wenigstens wüsste, wer diese*r Roman Tasy war! Doch da half alles Fluchen und Wünschen nicht, die Karte schwieg sich darüber weiterhin aus, ebenso wie Nanna.
Was, wenn ich der Anleitung folgte, etwas falsch interpretierte und ein Monster heraufbeschwor? Den Zorn irgendeiner Göttin weckte, weil ich einen Fehler machte, ein Wort nicht richtig betonte?
Was, wenn ich die Zusammensetzung der Ingredenzien verwechselte und nicht Roman Tasy herbeirief sondern ein Horrorwesen aus einem Albtraum? Was, wenn es mir gelang, Roman Tasy heraufzubeschwören, alle meine Sehnsüchte erzählte und ausgelacht wurde? Was, wenn ich schlicht unvermittelbar war?
Was, wenn ich vermittelbar war?
Fragen über Fragen über Fragen! Und nur ein Weg Antworten darauf zu finden. Ich rieb meine Nüstern an den Schuppen meiner Vordertatzen. Ich stieß ein kleines Feuerseufzen aus. Leckte mir den Rauch von den Lippen. Also gut. Also gut.
Ich würde die Anleitung noch ein letztes Mal ganz genau lesen.
Und dann würde ich es wagen.
Die romantisch-phantastischen Geschichten der Kolleg*innen findet ihr hier:
Carola Wolff: First Date
C.A. Raaven: ‚Tis what it is