Phantastischer Montag: Ganz sicher nicht!

(Im Monat September haben wir uns das Genre „Funtasy“ ausgesucht … hier ist mein Beitrag dazu)

Wieso hab ich mich darauf eingelassen? Porthea hielt nur mit Mühe einen Seufzer zurück. Mehr ein Stöhnen. Sie mochte Gesellschaft – vor allem ihre eigene. Sie mochte, dass die Arbeit am Portal viel Zeit allein bedeutete, weil andere Wesen kamen und vor allem wieder gingen. Kurz, der entscheidende Punkt: Sie blieben nie lange da.
Alles Drax‘ Schuld!, fluchte Porthea still vor sich hin. Wenn Drax ihr dieses Abenteuer nicht aufgezwungen hätte, wäre sie immer noch allein hier, hätte sich nicht in einem Moment fehlgeleiteter Zuneigung und Begeisterung dazu hinreißen lassen, jetzt schon eine Nachfolgerin auszusuchen, die nun hier bei ihr lebte und die sie ausbilden musste, statt ihre einsamen Zeiten zu genießen. Na gut, irgendwann hätte sie sowieso eine Nachfolgerin ausbilden müssen. Aber auch hier wieder war genau das der Punkt: irgendwann. Weit in der Zukunft. Nicht jetzt.
Porthea stützte die Ellbogen auf den Tisch neben dem Portal und verbarg das Gesicht in den Händen, rieb sich mit allen ihren dreißig Fingern über den Schädel, strich leicht über ihre weichen Schuppen. Sicher, sie mochte Ilana. Die junge Gestaltwandlerin war mutig, neugierig, sie hatte einen aufrechten Kern – aber eben viel, viel, viel zu wenig Sinn für Missmut. Wie konnte eine so durchs Leben gehen? Porthea seufzte tief.

… ebenso wie die Autorin an dieser Stelle. Funtasy. Funtasy?! Worauf hatte sie sich da eingelassen? Das war nun wirklich so ganz und gar nicht ihre Welt. „Ach nein?“, wisperte eine Stimme an ihrem Ohr und ein empfindlicher heißer Atem traf die Haut neben ihrem Ohr (oder sollte das heißen: heißer Atem traf die empfindliche Haut neben ihrem Ohr?).
„Au! Wie oft muss ich dir noch sagen, dass menschliche Haut und Drachenfeueratem inkompatibel sind?“
„So ein Flämmchen hat noch nie-“ Ti‘runs restliche Worte gingen in unverständlichem Gemurmel unter, weil die Autorin ihr die Schnauze zuhielt. Drachen hatten einfach keine Einsicht, wenn es um Feuer ging. Zumindest nicht dieser kleine Drache, mit dem die Autorin nun seit mehreren Jahren zusammenlebte. Aus Drachensicht musste das natürlich genau umgekehrt betrachtet werden (wenn es darum ging, wem diese Wohnung/Höhle gehörte), aber das ist eine andere Geschichte (Sockenfrieden 2020).
„Du sagst doch selbst immer, du sollst dich von Genrebezeichnungen nicht einschränken lassen“, bemerkte Ti‘run, die sich inzwischen befreit hatte und in sicherer Entfernung von der Autorin auf dem Rahmen des großen Bildschirms balancierte. Die Autorin hatte längst aufgegeben, sich wegen Krallenpunktierungen darauf zu beschweren. Ebenso wie über Flammenspuren auf der Schreibtischplatte. Oder angekokeltem Papier.
„Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“, murrte sie. „Oder von vorgestern oder gar vor-vorgestern?“ Sie lehnte sich auf ihrem Schreibtischstuhl zurück und verschränkte die Arme. Kein einziges Wort würde sie mehr tippen. Sollte die Geschichte doch sehen, wie sie allein zurechtkam!
Ti‘run flatterte mit den in allen Meerestönen schimmernden Flügeln. „Verweigerungshaltung? Du weißt doch ganz genau, dass ich das länger durchhalten kann als du.“ Sie legte die Flügel wieder an und leckte sich die Lippen. „Mmmmm, Feuer und Rauch, der Geschmack von Geschichten.“
„Das hilft mir jetzt auch nicht weiter.“ Dieses Mal würde sie nicht klein beigeben. Die Autorin presste die Arme fester gegen die Brust. Wer bitte hatte in heutigen Zeiten Fun? Das war völlig widersinnig. Kriege, Klimakrise, Kapitalismus, Kipp-Punkte, Katastrophen, wohin eine auch blickte, Umweltverschmutzung, Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Ungleichheit überall, Überschwemmungen, Dürren, Diktaturen, Demokratien in Gefahr, Nazis … verdammt, nicht mal das mit den Alliterationen bekam sie hin. Von Fun konnte jedenfalls keine Rede sein. „Da mach ich doch lieber meine Steuererklärung.“ Was eine glatte Lüge war. Und was Ti‘run auch nur mit einem abfälligen Schnauben kommentierte. Dieser Drache kannte sie inzwischen einfach viel zu gut! „Mir fällt aber wirklich nichts ein“, murmelte die Autorin.
„Dann mach doch eins dieser inspirierenden Dinge.“ Ti‘run hob eine Pfote, musterte ihre Krallen. „Spaziergang?“
Die Autorin schüttelte den Kopf. Draußen schien die Sonne. Viel zu optimistisch.
„Brainstorming?“
Die Autorin schüttelte den Kopf. Bei Brainstorming mit Ti‘run kam immer nur eines heraus: eine Geschichte ohne Drachen ist keine Geschichte. (Und dagegen hatte sie kein valides Argument.)
„Bisschen prokrastinieren mit Hausputz?“
Letzteres wäre dringend nötig – aber die Motivation dazu war noch geringer als die zum Schreiben von Funtasy. Die Autorin rümpfte die Nase. Und schüttelte den Kopf.
„Feuer?“
Die Drachenstimme klang hoffnungsvoll, und die Autorin bekam – fast – ein Schleudertrauma vom heftig-entschiedenen Kopfgeschüttel. Sie schloss die Augen und zuckte gleich darauf zusammen, als sie ein lautes Räuspern hörte.
„Ähm, wir warten hier …?“
Das war doch – nein, nein, nein. Die Autorin presste die Augenlider fest aufeinander. Es reichte, dass ein Drache Unordnung in ihr Leben brachte. Sie brauchte nicht noch weitere Drachenwesen in ihrer Wohnung. Die sollten gefälligst in ihrem Laptop bleiben! Da, wo sie hingehörten. Die Autorin hielt sich die Ohren zu. Was Porthea offenbar nicht beeindruckte, sie verschaffte sich mühelos Gehör.
„Ist echt mies, uns hier so hängenzulassen. Ich meine, ich bin Missmut gegenüber durchaus aufgeschlossen und zugegeben, ich verkrieche mich gelegentlich darin und genieße das sogar – aber auf Dauer wird sogar mir das langweilig.“
Mir aber nicht, lag der Autorin auf der Zunge. Doch sie würde sich ganz sicher nicht auf dieses Gespräch einlassen. Sie biss sich innen auf die Wangen. Die Hände über ihren Ohren sperrten nicht einmal das Tappen von Ti‘runs Krallen gegen den Bildschirm aus. Tapp, tapp, tapp. Tapp, tapp, …

… tock, tock, tock, tock – das Hämmern von Holz auf Holz störte die Stille auf ihrer Lichtung. Porthea seufzte erneut und blinzelte gegen das Sonnenlicht an. Vorsichtig blickte sie dorthin wo ihre Hütte stand. Dann weiter dorthin, wo Ilana die Grundfläche einer zweiten Hütte absteckte. Pfosten in den Boden einschlug. In respektvollem Abstand zu Portheas eigener. Das musste sie zugeben. Die Gestaltwandlerin hob den Kopf und winkte ihr zu. Grinste. Porthea wusste genau, was Drax jetzt sagen würde.
Mit einem dritten tiefen Seufzer erhob sie sich von ihrem Stuhl. „Ist ja gut, ich helfe ihr“, grummelte sie dem abwesenden Drachenwesen zu. „Aber du dafür schuldest du mir was.“ Langsam ging sie auf Ilana zu. Uns beiden, fügte sie still für sich hinzu. Schließlich musste auch Ilana es mit ihr aushalten. Was ganz sicher nicht ganz einfach war und auch nicht leichter werden würde. Ganz sicher nicht.

(Soweit meine Story zum Genre. Die Geschichte des Kollegen C. A. Raaven findet ihr hier: Do ya see something green? Die Kollegin Carola Wolff setzt gerade aus, aber in ihren phantastischen Geschichten zu stöbern ist immer ein Vergnügen! Hier geht’s lang!)