(Im Oktober widmen wir uns dem Grusel- und Horrorgenre …)
An jenem Herbstmorgen war Nebel heraufgezogen. Trotzdem waren die beiden Krähen aufgebrochen. Bald verloren ihre Rufe sich im undurchdringlichen Weiß, und sie fanden gerade noch das Dach, auf dem sie verabredet waren. Kaum hockten sie auf dem Giebel, zog sich der Nebel weiter zusammen, lag so dicht über der Stadt, dass die beiden Krähen nicht einmal ihre Flügelspitzen sehen konnten. Sie hockten auf dem Giebel, Federn an Federn, und spürten an ihren freien Seiten die Unendlichkeit von Nichts. Sie schmiegten sie sich noch enger aneinander.
Das Weiß des Nebels blendete und schmerzte in den Augen. So oft Elyf auch blinzelte, es half nicht. Also wandte sie den Kopf nach links, schaute auf Minks schwarz-graues Gefieder und fühlte sich sofort etwas besser. Mink rieb den Kopf an ihrem Hals und zog vorsichtig den Flügel zwischen ihren Körpern hervor, streckte ihn, breitete ihn über Elyfs Rücken aus. „Besser?“, fragte sie. Elyf nickte und lehnte den Kopf an Minks Hals. Ausgerechnet heute mussten sie hier sein. Ausgerechnet heute war so ein Tag, an dem sie ihre Menschengestalt der einer Krähe vorgezogen hätte. Sie könnte warm und trocken in der Crow-Bar sitzen, einen Kakao schlürfen, einer Geschichte von Tante Käthe lauschen und dieses neblig-trüb-kalte Draußen ignorieren.
Stattdessen hockte sie hier, mitten im neblig-trüb-kalt-feuchten Draußen, und wartete. „Meinst du, sie kommen?“
Mink schmiegte den Flügel enger um sie. „Bestimmt.“ Sie krächzte leise. „Es sei denn, sie verirren sich.“ Sie blinzelte. „Was sie nicht tun werden. Bestimmt nicht. Die kennen den Weg. Müssen sie ja.“ Mink spähte umher, als könnte sie mit ihrem Blick den Nebel zum Verschwinden bringen.
Konnte sie nicht.
Der Nebel roch nach Kohlenfeuer, legte sich grau auf ihre Zunge, kroch ihre Kehle hinab. Elyf krümmte die Krallen und lauschte ihrem Kratzen auf den Dachziegeln. Was wenn es nichts mehr gab auf dieser Welt außer ihnen beiden auf diesem Dach? Wenn der Nebel nicht nur alles versteckte, bedeckte, sondern verschlang. Wenn er, ganz langsam, unter dieser trüb-feucht-kalten Decke an Häuserwänden nagte, sich durch Stein und Beton fraß, langsam und leise sich heranschlich an alle Lebendigen, sie lähmte, sie einhüllte, sich einverleibte. Und auch da noch nicht stoppte. Was, wenn der Nebel nicht nur alle verschlang, die redeten und lachten und weinten und tanzten und sangen und sich umarmten, was, wenn der Nebel auch alles verschlang, was rauschte und sich im Wind wiegte, alles mit Wurzeln und Blättern und Blüten. Was, wenn da schon nichts und niemand mehr war? Wie lange noch, bis der Nebel auch sie beide holte? Oder würde er sie verschonen, sie zwingen, in diesem Nichts zu leben?
Es war still. Still, still, still. Mink drückte sich schweigend an sie. Elyf presste den Schnabel fest zusammen, damit der Nebel nicht noch einmal eindringen konnte. Aber atmen musste sie. Und mit der Luft kam auch das kohle-grau-schwere, setzte sich in ihre Kehle, verdichtete sich, kratzte, machte das Atmen schwer und schwerer. Elfy riss den Schnabel auf. Würgte. Keuchte. Krächzte. Krampfte. Es schüttelte ihren ganzen Körper. Sie zitterte. Bebte. Sie kippte, rutschte über feucht-kalt-glatte Dachziegel. Ein spitzer Schrei folgte ihr, schrie ihren Namen. Ihre Krallen kratzten nutzlos über Stein. Kein Halt, sie fand keinen Halt, rutschte, taumelte, überschlug sich, kopfüber, kopfunter, weiter und weiter und weiter, der Nebel verschluckte den Schrei, sie war allein, taumelte, rutschte, gleich würde sie stürzen, mitten hinein ins Nichts –
– im Nichts würden Flügel nutzlos sein, sie würde stürzen, fallen, stürzen, aufprallen, zerbrechen.
Elyf schrie. Sie schlug mit den Flügeln. Sie fiel, stürzte, taumelte, streckte die Flügel, streckte sie noch weiter, schwankte, drehte sich, wo war unten, oben, sie schrie, schlug um sich, flatterte – und dann war da Auftrieb, dann war da Luft, die trug. Elyf schluchzte krächzend vor Erleichterung. Sie flog. Sie würde nicht abstürzen, zerbrechen. Sie flog.
Doch die Erleichterung schwand schnell. Noch immer sah sie nichts als Weiß um sich herum, nichts, nichts, nichts – und sie sah nicht, wohin sie flog. Sie wusste nicht, ob vor ihr eine Hauswand war, ein Laternenpfahl, ein Baum, in dessen Ästen sie sich verfangen würde, ein geschlossenes Fenster, gegen das sie prallen konnte und doch noch stürzen, abstürzen, fallen, aufprallen, zerbrechen.
Sie musste landen. Elyf blinzelte und blinzelte, hoffte entgegen jeder Hoffnung, doch noch etwas zu erspähen, etwas, das ihr einen sicheren Landeplatz versprach. Aber da war nur Weiß. Sie wusste nicht einmal, wie hoch oder niedrig sie flog. Unter ihr konnte ebenso eine Straße sein, wie das Wasser der Spree, wie ein Dach, eine Baumkrone, eine Laterne, ein Mensch, ein Auto – sie könnte direkt vor einem Auto landen, einem fahrenden Auto und dann –
Elyf hielt die Luft an, ließ sich sinken. Langsam. Sie stieß die Luft aus. Atmete. Kurze, heftige Atemzüge. Vorsicht. Vorsicht. Sie lauschte. Da war nichts als der Wind.
War das gut? Oder verstopfte der Nebel ihr das Gehör? Sie sank weiter. Oder vielleicht flog sie auf ewig gleicher Höhe und würde den Boden nie erreichen – bis ihr die Flügel versagten, und sie sank wie ein Stein, in die Spree geworfen. Nein, nein – sie war ganz sicher, sie flog hinab. Ganz bestimmt. Sie wusste doch, wo oben und unten war, jetzt, wo sie flog und nicht länger fiel.
Es dauerte nur so lange. Was, wenn der Nebel doch alles verschlungen hatte und es längst keinen Boden, keinen Grund mehr unter ihr gab? Elyf schauderte mitten im Flug, zitterte und geriet ins Taumeln. Fing sich wieder. Vorsichtig streckte sie die Beine aus, streckte die Krallen, berührte nur Luft.
Geduld. Sie brauchte nur noch ein wenig Geduld.
Oder vielleicht würde sie immer so weiterfliegen, immer einsamer werden, sich weiter und weiter verlieren im Nebel, im Nichts. Vor ihr – nein, hinter ihr – nein, über ihr – nein – irgendwo ertönten Rufe. Sie kannte diese Rufe. Sie wollte zu ihnen. Aber sie fand die Richtung nicht. Vielleicht waren die Rufe nicht wirklich da, waren nur eine Gespinst ihrer Sehnsucht. Trugstimmen des Nebels, der sie weiter ins Nichts locken wollte. Ihr Hoffnung machte, damit sie weiterflog und immer weiter, bis sie nicht mehr konnte. Schon spürte sie das erste Zittern ihrer Muskeln. Und doch, und doch. Elyf riss den Schnabel auf. Sie krächzte den Rufen entgegen. Hier bin ich. Hier. Findet mich. Hier.
Sie hörte nicht mehr auf. Schrie und krächzte und schluchzte, bis Federn sie berührten, bis Arme sie umschlangen. „Elyf. Elyf. Wach auf. Es ist nur ein Traum. Wach auf, alles ist gut.“
Sie drückte sich an den Körper neben ihr, blinzelte. Da war Licht. Kerzenlicht. Von der Kerze auf ihrem Nachttisch. Elyf kuschelte sich tiefer in die Umarmung, lauschte den Stimmen, die von unten aus der Crow-Bar bis in ihr Zimmer heraufdrangen. Vertraut. Beruhigend. Sie spähte über Minks Schulter zum Fenster. Vor der Glasscheibe drängte sich Nebel zusammen, löschte die Welt dahinter aus.