Phantastischer Montag: Die Sozietät und andere glitzernde Verlockungen

S P H I N X
Sozietät für phantastische Halbwesen in Notlagen
X (marks the spot)

Andra starrte das Grafitti auf dem Brückenpfeiler an. Die Schrift glitzerte silbern im Sonnenlicht. Das Glitzern hatte sie überhaupt erst darauf aufmerksam gemacht. Glitzerdinge waren nun einmal unwiderstehlich – und in dieser Stadt gab es entschieden zu viele davon. Andra schüttelte den Kopf über sich selbst. Nicht das Glitzern war der Punkt, sondern die Worte. Sie war lange genug in dieser Welt, um zu wissen, dass sie hier als phantastisches Halbwesen gelten würde, wenn Menschen von ihrer Drachenseite wüssten.

Und in einer Notlage war sie ohne Zweifel. Wie ihr dieses Grafitti allerdings weiterhelfen sollte, blieb ihr ein Rätsel. Andra umrundete den Brückenpfeiler, aber mehr stand nicht darauf. Sie kehrte zu dem Grafitti zurück. Vielleicht – sie legte eine Hand auf das X. Nichts geschah. Andra lachte leise auf. „Wäre ja auch zu einfach“, murmelte sie und klopfte mit einer Faust an den Brückenpfeiler wie an eine Tür.

Auch das brachte nichts. Wer bitte ließ einen Hinweis auf eine helfende Organisation zurück, ohne eine Kontaktmöglichkeit anzugeben? Das war doch sinnfrei! Andra kniff die Augen zusammen, was natürlich auch keine neuen Erkenntnisse brachte.

Aus ihren Nachforschungen auf der Suche nach Magie hatte sie die Legenden und Erzählungen dieser Welt studiert. Sphinx – soweit sie sich erinnerte ein Wesen mit Löwenkörper und Menschenkopf, manchmal mit, manchmal ohne Flügel. Bewachte Türen und stellte Rätsel. Tötete diejenigen, die ihre Rätsel nicht lösen konnten. Nicht sehr freundlich.

Hinter ihr schnatterten ein paar Enten auf der Spree, Krähen kreuzten den Fluss und unterhielten sich lautstark. Andra drehte sich um, doch keine von ihnen war Elyf. Vermutlich war das besser so. Sie sollte Elyf nicht in ihren Schlamassel hineinziehen. Ha – Elyf würde nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen, wenn sie von ihrem Schlamassel wüsste! Weltenzerstörerin, hatten sie sie zuhause genannt. Zuhause würden sie sie nur wieder aufnehmen, wenn sie auch eine Weltenheilerin sein konnte.

Andra starrte wieder auf die glitzernde Schrift. Seit ihrer Verbannung hasste sie die Anziehungskraft, die alles Glitzernde auf sie ausübte.

 

Elyf hatte ein schlechtes Gewissen. Aber das hielt sie nicht davon ab, Andra weiter zu beobachten. Sie wurde einfach nicht schlau aus ihr. Den einen Moment war ihre Drachenfreundin ausgelassen und offen, im nächsten zog sie sich zurück, geradeso als wären sie einander vollkommen fremd. Elyf hatte noch nie einem Geheimnis widerstehen können, und Andra war eines.

Also war sie ihr gefolgt. In Krähengestalt war das leicht. Bei den vielen Krähen, die sich in der Stadt herumtrieben – einige davon Krähenschwestern so wie sie, andere schlicht Vögel, die die Vorteile des Stadtlebens genossen -, konnte sie sich mühelos in der Menge verbergen.

Scheinbar ziellos lief Andra durch die Straßen, bog von den großen in die Seitengassen ab, blieb kurz stehen, als sie schließlich ans Spreeufer kam, lehnte sich mit dem Oberkörper ans Geländer. Elyf hätte sich fast von dem Sonnenglitzern auf dem Wasser ablenken lassen, den Sonnenflecken, die auf kleinen Wellen schaukelten wie winzige, aus der Nacht in den Tag gefallene Sterne. Doch als Andra schnaubte und sich vom Wasser abwandte, schüttelte sie ihre Faszination ab und folgte ihr weiter das Flussufer entlang.

Bis Andra unter dieser Brücke stoppte. Elyf landete auf einer Strebe des metallenen Unterbaus, trippelte darauf entlang, bis sie sehen konnte, was Andra so gebannt anstarrte.

S P H I N X
Sozietät für phantastische Halbwesen in Notlagen
X (marks the spot)

Elyf duckte sich auf ihrer Metallstrebe. Natürlich kannte sie die Sozietät. Aber wenn Andra Hilfe brauchte, warum vertraute sie sich dann nicht ihr an? Die Hilfe der Sozietät hatte immer einen Preis. Oh, sie forderten nie Geld, stets nur „einen kleinen Gefallen“, einzulösen bei Bedarf. Elyf schauderte. Sie hatte schon zu viele Geschichten darüber gehört, wie diese Gefallen aussahen. Diebstahl, Spionage, Entführungen, sogar Mord – nur wer wirklich verzweifelt war, wandte sich an die Sozietät.

Oder wer sie nicht kannte.

Elyf neigte den Kopf zur Seite und spähte zu Andra hinab. Sie sollte sie warnen. Allerdings würde sie dann zugeben müssen, ihr gefolgt zu sein. Nicht sehr vertrauensförderlich. Elyf rieb ihre Flügel übereinander.

 

Ich muss hier einmal kurz unterbrechen. Sie erinnern sich sicherlich noch an mich? Die Sphinx, die bei S.P.H.I.N.X Hilfe suchte – und sie auch bekam. Ich weiß, ich weiß, ich habe Sie da etwas im Ungewissen gelassen, als Sie das letzte Mal von mir gehört haben. Aber die Sozietät ist nun wirklich keine gemeine Bande von Verbrecherinnen oder gar Mördern, das kann ich so nicht stehenlassen.

Mir zum Beispiel haben sie einen ganz hervorragenden Deal angeboten: Alle, die bei der Sozietät um Hilfe ersuchen wollen, müssen nun zuerst eines meiner Rätsel lösen, bevor sie Zugang zu S.P.H.I.N.X bekommen. So filtere ich die Unwürdigen heraus und lasse die wirklich der Hilfe Würdigen durch. Ein Gewinn für alle. Nun ja – fast alle.

Entscheidend ist: Ich habe endlich wieder ein Aufgabe. Denn natürlich müssen zunächst alle elektronischen Geräte abgegeben werden. Keine technischen Hilfsmittel mehr bei der Suche nach den richtigen Antworten. Ja, Sie haben richtig gelesen: Antworten, Plural. Denn es gibt immer mehr als eine Lösung für ein Rätsel. Seien Sie kreativ! Denken Sie nach! Mehr verlange ich nicht.

Was die Sozietät dann im Gegenzug für ihre Hilfe verlangt, das geht mich nichts an. Aber Magie wird nie leichtfertig verschenkt. Das sollte allen klar sein, die hier eintreten wollen.

Das soweit von mir. Jetzt wollen Sie sicher wissen, wie es da draußen weitergeht. Ich auch, nebenbei bemerkt.

 

Andra runzelte die Stirn und hätte zu gern mit ihrem Schwanz über den Boden gewischt. Das verscheuchte immer etwas von ihrer Unruhe. Und gerade jetzt sagte ihr das Prickeln zwischen ihren Schultern, dass sie beobachtet wurde. In ihrer Drachenform wäre sie herumgewirbelt und hätte die Konfrontation gesucht. In Menschengestalt fühlte sie sich zu verwundbar.

Andra?“

Bei der vertrauten Stimme fuhr sie doch herum. Elyf grinste sie an und kam auf sie zu geschlendert.

Was machst du auf meinem Lieblingsspazierweg?“ Elyf blieb wenige Schritte vor ihr stehen.

Es dauerte ein paar Momente, bis Andra sich soweit gefasst hatte, dass sie antworten konnte. „Reiner Zufall.“ Ihre Stimme klang wackliger als ihr lieb war. Das Grafitti brannte hinter ihrem Rücken. Sie wünschte sich, sie wäre groß genug, es ganz zu verbergen. Sie wollte ganz sicher keine Fragen dazu beantworten müssen.

Ein schöner Zufall.“ Elyf kam näher. Ihr Grinsen wandelte sich zu einem Lächeln, das ihr gesamtes Gesicht überzog. Ihre dunklen Augen glitzerten.

Andra konnte den Blick nicht von ihr abwenden, konnte sich nicht rühren. Elyfs Atem strich warm über ihr Gesicht. Ihr sonnenwarmer Geruch hüllte sie ein. Ihre Lippen berührten Andras Mund, ganz leicht, Frage und Einladung. Andra stieß den leisesten aller Seufzer aus – sie hatte keine Ahnung, worauf sie sich hier einließ, aber dieser Einladung konnte sie nicht widerstehen. Sie schloss Elyf in ihre Arme und zog sie an sich.

 

Perfektes Ablenkungsmanöver, das ich muss ich den beiden lassen. Und über die Feinheiten davon, wer da jetzt wen abgelenkt hat – oder beide sich gegenseitig, darüber werde ich die nächste Zeit trefflich nachsinnen können. Immerhin. Aber auch schade, ich hatte schon das perfekte Rätsel für sie.

Nun ja, vielleicht ein anderes Mal.

So lautet unser Zitat für die Geschichten im April. Was die Kolleg*innen daraus gemacht haben, könnt ihr hier nachlesen:

Carola Wolff

C.A. Raabe

 

Phantastischer Montag: Wagnis

Andra drehte das Whiskyglas in ihren Händen. Manche Dinge hatten diese Menschen schon drauf, das musste sie zugeben. Sie nahm noch einen Schluck, genoss den rauchig-scharfen Geschmack in ihrem Mund. Fast so gut wie der nach einer ordentlichen Flamme. Sie leckte sich die Lippen und blickte in den Spiegel hinter dem Tresen. Es war immer wieder ein Schock, sich selbst in ihrer menschlichen Gestalt zu sehen. Sie schüttelte sich, vermisste dabei das Gefühl von Flügeln an ihrem Rücken, und trank noch einen Schluck.

Hoffnung zu wagen, war verrückt gewesen. Je schneller sie das einsah, desto eher könnte sie damit beginnen, sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Immerhin gab es Whisky. Sie sah sich selbst zu, wie sie weitertrank, wie sie die Hand mit dem Glas langsam auf den Tresen senkte, das Glas umklammert hielt, als könnte es ihr Trost spenden, während sie allmählich in Starre versank.

Der Spiegel verriet, dass sie die einzige Gestalt in der Crow-Bar war, die stillhielt. Nur wenige Schritte hinter ihr wogte eine tanzende Masse, Hände reckten sich über Köpfe, Hüften schwangen im Beat, es war ein Wirbel aus Körpern und Lauten und so viel Freude, dass Andra sich nur noch mehr versteifte. Sie ließ die Musik, das Gewusel der Körper zu einem Hintergrundrauschen werden und obwohl sie weiterhin in den Spiegel blickte, nahm sie das Bild darin nicht länger wahr.

Dieser Ort half ihr genauso wenig dabei, die nötige Magie zu finden wie jeder andere dieser elenden Welt. Sicher, es tat gut, unter einer Art von Verwandten zu sein. Obwohl die Gestaltwandlerinnen hier Federn statt Schuppen zeigten in ihrer anderen Form. Immerhin konnten sie fliegen. Aber Drachen waren sie nun wirklich nicht. Woher auch! Andra schnaubte leise. Diese Welt war so rückständig, dass Drachen hier nur in Märchen und Legenden vorkamen. Sie schloss die Augen und erinnerte sich an einen Himmel voller Drachen, an das Spiel von Flügeln und Flammen, an Rauchwirbel, die sich bis zu einem fernen Mond streckten und weiter zu den Sternen wanderten. Sie seufzte und setzte das Glas wieder an die Lippen. Blinzelte sich in die Gegenwart zurück. Zu den Krähenschwestern.

Die tanzten noch immer. Andra wandte sich vom Spiegel ab und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Tresen. Manche der Tanzenden wandelten sich mitten in der Bewegung in ihre Krähengestalt, flogen hoch über die Köpfe der anderen hinaus, hoch und höher, drehten sich blitzschnell um, legten die Flügel eng an den Körper und schossen im Sturzflug hinab, nur um im letzten Moment, wenige Zentimeter über den lachenden Gesichtern der Tänzerinnen, die Flügel aufzuspannen, sich abzufangen und wieder in die Höhe zu gleiten.

Eine Krähe landete neben ihr auf dem Tresen und dann stand Elyf an ihrer Seite. „Was schaust du so griesgrämig?“

Andra leerte den Whisky und knallte das Glas auf den Tresen. „Eure Welt geht zugrunde, und ihr tanzt!“

Elyf grinste unbeeindruckt. „Sie geht aber nicht an unserem Tanz zugrunde.“

Darauf fiel Andra nichts ein. Die Menge vor ihnen wogte und wirbelte, Krähen schossen zwischen menschlichen Gestalten umher, streiften mal einen Arm, eine Schulter, eine Wange, aber nie stießen sie zusammen, nie stürzten sie zu Boden. Andra betrachtete das Zusammenspiel von Flug und Tanz und versuchte, sich gegen das Lächeln auf ihrem Gesicht zu wehren. Vergeblich.

Sie könnte sich mitten hineinbegeben, tanzen, alles vergessen. Hier konnte sie sich sogar in ihre Drachengestalt wandeln, vor aller Augen – was sie draußen kaum jemals wagte. Nur, wenn die Nacht wirklich dunkel war, fast so tiefdunkelblau wie ihre Schuppen und ihre Flügel, nur, wenn sie sicher sein konnte, dass kein Mensch sie beobachtete.

Zwei Krähen flogen Kreise um die Köpfe zweier Tanzender, ihre krächzenden Stimmen mischten sich unter die Musik, ein Gesang so seltsam und fremd und doch meinte Andra, den Geruch von Asche und Rauch auf der Zunge zu schmecken, während der Tanz den Boden unter ihren Füßen beben ließ und das Wispern der Flügel sie lockte und lockte.

Nein, an diesem Tanz starb keine Welt. Und so wenig es ihr auch gefiel, sie musste zugeben, dass Elyf recht hatte: Es lag eine gewisse Magie darin. Aber das musste sie ja nicht laut sagen. Andras Lächeln vertiefte sich. Es war nicht die Magie, nach der sie suchte, es war nicht die Magie, die ihr helfen würde, doch was war schon eine weitere nutzlos verbrachte Nacht?

Lass uns tanzen, kleine Krähe“, sagte sie und streckte Elyf eine Hand entgegen. Elyf lachte und packte sie mit beiden Händen, zog sie auf die Tanzfläche.

Sie ließen sich von der Musik tragen, sie stampften den Rhythmus in den Boden, sie streckten ihre Flügel und folgten den Tönen in immer größere Höhen, sanken auf dem warmen Bass wieder hinab, lachten und sangen – und Andra flog hinauf, höher als alle anderen und fügte dem Tanz ihre Flamme hinzu.

Das Licht des Feuers liebkoste ihre Gesichter, ließ ihre Flügel schimmern, fachte ihr Lachen an und ihre krächzenden Stimmen glitten über ihre Schuppen, stärkten ihr Feuer.

Vielleicht, dachte Andra, vielleicht ist es doch nicht ganz und gar verrückt zu hoffen.

 

(Unser Zitat für Februar ist von Lewis Carroll „We’re all mad here“ aus Alice in Wonderland. Die Geschichten meiner Kolleg*innen dazu findet ihr hier: Iss mich, trink mich von Carola Wolff und Umwidmung von C. A. Raaven. Am 28.02.2022 lesen wir euch die Stories wieder live auf twitch vor – um 20 Uhr geht es los!)

Phantastischer Montag: Unvorstellbar

Stell es dir vor, und es wird passieren. Von wegen! Wenn Magie wirklich so einfach wäre, würden alle sie beherrschen. Eins war klar, sie würde das mit der Magie niemals hinbekommen. Und deswegen hockte sie auf immer hier fest in dieser verfluchten Welt. Aufgabe verbockt. Heimweg versagt.

Andra starrte auf die Stadt unter ihr. Die Lichter der Straßenlaternen brachten die Regentropfen zum Funkeln und ließen das Gold der Statue glänzen, auf deren linkem Flügel sie saß und mit den Beinen baumelte. Die Höhe machte ihr nichts aus, und der Regen passte zu ihrer Stimmung.

Der Rat hätte sie auch einfach nur verbannen können. Eine Zeitspanne festsetzen und sie fortschicken. Selbst hundert Jahre wären leichter als das hier. Dann hätte ihre Sehnsucht ein konkretes Ende gehabt. Aber nein, sie mussten sie mit einer doppelten Strafe belegen, Verbannung gepaart mit einer Aufgabe. Einer Aufgabe, die ihr Hoffnung gegeben hatte. Denn sicher würde der Rat sie nicht mit etwas Unlösbarem wegschicken. Rette die andere Welt und dir ist vergeben. Rette die andere Welt und du darfst zurückkehren.

Zurückkehren. Das Wort allein hatte sie durch die ersten zehn Jahre in dieser fremden Welt gebracht. Jetzt, nach ein paar weiteren Jahrzehnten, brachte es sie nur noch zur Verzweiflung. Das raue Krächzen einiger Krähen unterstrich ihre trüben Gedanken. Andra kniff die Augen zusammen und blickte den grau-schwarzen Vögeln hinterher, die über den Bäumen des Parks kreisten und krächzten. Sie würde nicht hier sitzen und im Regen heulen. Das war zu pathetisch. Andra zog die Füße hoch auf die schmale obere Kante des Flügels und stand auf, streckte die Arme weit zu beiden Seiten aus. Legte den Kopf zurück. Sog die regenfeuchte Luft ein. Schon besser.

Sicher, sie konnte mit jedem Atemzug das Sterben dieser Welt spüren. Aber da war auch der Regen, der auf ihrer Haut kitzelte, das zufriedene Summen der Bäume, die das Nass aufsaugten, ihren Gesang über das Rauschen des Verkehrs legten. Zumindest für ihre Ohren. Andra streckte sich und blinzelte nach unten, überlegte, ob sie es wagen konnte, sich zu wandeln.

Hallo? Bitte, ich will Sie nicht erschrecken“, klang eine Stimme leise zu ihr hinauf. „Bitte, springen Sie nicht.“

Andra seufzte. Wer kam außer ihr mitten in der Nacht hierher? Der Zugang unten war doch sicherlich versperrt. „Keine Sorge, hab ich nicht vor“, erwiderte sie. Und selbst wenn – sie würde nicht fallen. Das war der Vorteil davon, in Drachengestalt Flügel zu haben. Aber das konnte sie nicht sagen. Andra setzte sich wieder hin – langsam, um wen auch immer da unten nicht weiter zu verschrecken.

Wie sind Sie da überhaupt hoch gekommen?“

Jetzt konnte Andra eine Gestalt auf der Aussichtsplattform erkennen. Sie hielt mit einer Hand die Kapuze eines langen dunklen Mantels fest, während sie zu ihr hinauf sah. Andra fluchte still vor sich hin. Sie hatte einfach nur im Regen hocken und melancholisch über die Stadt starren wollen. Zu ihrer Vorstellung dieser Nacht gehörten weder eine Zufallsbegegnung noch unangenehme Fragen. Sie zwang sich zu einem Lachen. „Würden Sie mir glauben, wenn ich sage, mich hat ein Hubschrauber hier abgesetzt?“

Die Gestalt unten zuckte mit den Schultern. „Holt der Sie auch wieder ab?“

Andra blinzelte in den Nachthimmel. „Sieht nicht so aus.“ Ihr musste dringend etwas einfallen, um diese Person loszuwerden. Sie betrachtete das faltenreiche Gewand der goldenen Statue. „Ich bin ganz gut im Klettern.“ Zumindest wenn sie ihre Krallen ausfuhr. Würde allerdings Spuren im Gold hinterlassen.

Soll ich nicht doch lieber Hilfe holen?“

Das fehlte gerade noch! Menschen neigten zu übertriebener Aufregung in solchen Situationen. Rettungswagen, Polizei, unerträglich laute Sirenen. Womöglich bestünden sie darauf, sie zu untersuchen – Andra schauderte schon bei der Vorstellung. Sie wollte gar nicht erfahren, was Menschen mit ihren Methoden alles über sie herausfinden konnten und vor allem nicht, was sie nach diesen Erkenntnissen mit ihr tun würden. „Ich fühl mich hier oben sehr wohl“, rief sie nach unten und hoffte, ihr Lächeln wirkte überzeugend.

Die Gestalt unter ihr rührte sich nicht vom Fleck. Sah still zu ihr hinauf. In ihrem gemeinsamen Schweigen klang der Regen lauter als zuvor. Andra versuchte, sich die Gestalt auf der Aussichtsplattform weg-vorzustellen. Stell es dir vor, und es wird passieren. Sie biss die Zähne zusammen, fixierte die Gestalt in ihrem dunklen Mantel. Du bist nicht hier. Du bist nicht hier. Du bist nicht hier, wiederholte sie stetig in Gedanken. Natürlich löste die Gestalt sich nicht in Luft auf. Stattdessen räusperte sie sich, schlug die Kapuze zurück und strich sich über stoppelkurze schwarze Haare.

Ich kann Sie nicht einfach so allein lassen.“

War ja klar, dass sie ausgerechnet jetzt einem mitfühlenden Menschen begegnen musste. Andra schloss die Augen. In ihrer Zeit hier hatte sie gleichgültige Menschen erlebt, wütende, abweisende, überhebliche, missmutige – kurz alles, was sie erwartet hatte in einer Welt, die vor sich hinstarb. Aber jetzt stand hier eine offensichtlich mitfühlende Seele und zerrte an ihren Nerven.

Hören Sie, können Sie mir etwas versprechen?“, übertönte die Stimme von unten den Regen.

Widerwillig öffnete Andra die Augen. „Kommt ganz darauf an, was“, grummelte sie. Bei allen Himmeln, das entwickelte sich zu dem längsten Gespräch, das sie je mit einem Menschen geführt hatte.

Versprechen Sie mir nur, nicht vor Schreck runterzufallen, egal, was Sie gleich sehen.“

Solange keine Sirenen, Polizei oder Rettungswagen involviert sind?“

Versprochen.“

Also gut, ich verspreche es.“ Andra ließ die Unbekannte nicht aus den Augen. Sie war sich inzwischen ziemlich sicher, dass sie eine Frau war. „Legen Sie los.“ Vielleicht würde sie danach endlich verschwinden. Jedenfalls würde nichts, was die Unbekannte tat, sie von ihrem Platz hier oben weglocken.

Die schob einen Ärmel ihres Mantels zurück und umfasste ihr Handgelenk. Im nächsten Moment löste sie sich zu einem wirbelnden Nebel auf. Andra starrte. Sie beugte sich vor, bis sie fast die Balance verlor. Sie hieb ihre Krallen in den Goldflügel und fing sich. War das – hatte sie – hatte sie gerade Magie gewirkt? War die Unbekannte wirklich verschwunden? Andra riss den Mund auf, weil sie nicht genug Luft bekam. Sie verschluckte sich. Hustete. Sie flog ohne zu fliegen. Sie klammerte sich an dem metallenen Flügel fest. Sie blinzelte. Der Nebel war fort.

Ein Flattern ließ sie zusammenschrecken. War die Statue lebendig geworden? Aber der Flügel, auf dem sie saß, war immer noch starr und fest. Vorsichtig blickte Andra zur Seite. Neben ihr landete eine Krähe, hüpfte ein paar Mal auf und ab, flatterte noch einmal mit den Flügeln. Krächzte. Andra grinste sie an. Wollte ihr von dem Wunder erzählen, das sich gerade ereignet hatte, brachte aber nicht als ein Krächzen heraus. Ein heiseres Lachen schüttelte sie.

Und dann kam der Nebel zurück, hüllte die Krähe ein, drehte und wand sich, wirbelte in grau-weiß-schwarzen Schwaden herum, bis Andra ganz schwindelig davon wurde. Sie klammerte sich an den goldenen Flügel. Machte die Magie sich selbständig? Musste sie ab sofort aufpassen, was oder wen sie anschaute? War ihr Blick magisch geworden?

Wie zuvor verschwand der Nebel genauso plötzlich, wie er gekommen war. Anstelle der Krähe saß die Unbekannte in ihrem dunklen Mantel neben ihr.

Wirklich eine schöne Aussicht von hier oben“, sagte sie. „Hätte ich schon längst mal machen sollen.“ Sie ließ die Beine neben Andras baumeln. „Ich bin übrigens Elyf.“

Andra.“ Ihre Stimme klang heiser. Sie saß zwar immer noch, aber innerlich fiel sie. Stürzte. Zitterte wie ihre Stimme. „Dann war das nicht meine Magie.“

Nein, das war meine.“ Elyf zwinkerte ihr zu. „Aber das scheint dich irgendwie zu enttäuschen? Ich meine, ich habe Schock erwartet, aber …“

Andra verkrampfte die Hände zu Fäusten. „Gestaltwandlung ist nicht gerade Magie.“

Nicht? Ich weiß ja nicht, wo du herkommst, aber in meinen Kreisen nennen wir das Magie.“ Elyf zuckte mit den Schultern.

Dann kommst du auch nicht von hier?“ Die Worte waren heraus, bevor Andra sich zusammenreißen und sie hinunterschlucken konnte.

Auch nicht?“

Andra verfluchte sich. Sie hatte sich von der Hoffnung völlig den Verstand und jede Kontrolle rauben lassen. „Vergiss es“, murmelte sie und versank wieder in Schweigen.

Elyf stieß sie leicht an. „Du musst mir deine Geheimnisse nicht verraten. Ehrlich. Ich würde dich nur bitten, meins für dich zu behalten. Ich meine, nicht dass irgendein Mensch dir glauben würde. Eher würden sie dich für verrückt halten. Und das könnte dich in jede Menge Schwierigkeiten bringen. Und wer braucht das schon?“

Ich nicht.“ Andras Kopf fühlte sich zu schwer an, um ihn zu heben. Elyf redete schon wieder weiter, aber sie hörte ihr nicht länger zu. Irgendetwas hatte sie gesagt, etwas wie – „In deinen Kreisen? Heißt das, du bist nicht – nicht allein?“

Ich wohne in einem ganzen Haus voll mit meinen Schwestern.“ Elyf lächelte. „Ich könnte dich dahin mitnehmen. Aber dafür müssten wir hier runter.“

Sind sie dort alle wie du?“

Elyf nickte. „Ein Haus voller Krähen.“

Und -“ Andra schluckte, weil sie nicht hoffen wollte. „Und kennt ihr euch mit Magie aus?“

Dieses Mal brauchte Elyf länger für eine Antwort. Sie knabberte an ihrer Unterlippe, kratzte sich an der linken Augenbraue. „Ich weiß es nicht. Ich bin noch nicht solange dabei. Also, vielleicht?“

Das war genug, beschloss Andra. Für den Moment war das genug. „Dann los!“ Sie sprang auf und warf sich ohne jedes Zögern in die Luft. Hinter ihr ertönte ein Schrei, der abrupt verstummte, als Andra ihre Drachenflügel ausbreitete und sich hoch hinauf in den Nachthimmel schwang. Gleich darauf flog eine Krähe neben ihr. Vielleicht. Andra erlaubte sich einen Anflug von Hoffnung.

(Auch 2022 geht es weiter mit dem phantastischen Montag! Dieses Jahr lassen wir uns von Zitaten aus dem phantastischen Genre inspirieren – im Janaur von N.K. Jemisin mit „If you can imagine something, it will be.“ Die weiteren Geschichten findet ihr bei Carola Wolff Imagine und C.A. Raaven Schönheitswettbewerb. Viel Spaß beim Lesen!)

Phantastischer Montag: Krähenschwestern

Sie waren seltener geworden diese Nächte, in denen sie im Bett hockte, die Knie angezogen, die Arme darum geschlungen, und ganz leise atmete, in die Dunkelheit starrte, auf jedes Geräusch lauschte. Und obwohl sie in diesen selten gewordenen Nächten wusste, dass sie hier sicher war, dass hier kein Geräusch eine Gefahr bedeutete, so hockte Elyf in jenen Nächten doch starr im Bett, bewegungsunfähig, bis endlich der Morgen die Nacht vertrieb, sie einen Finger heben konnte, einen zweiten, eine ganze Hand, die andere, sich schließlich ausstreckte und die Augen im heller werdenden Morgen schloss, einschlief.

Doch während es noch Nacht war, schien der Morgen unerreichbar. Auch dieses Mal. Sie presste die Arme um die Knie und starrte in die Dunkelheit. Die war so absolut, dass sie Schatten darin umherhuschen sah, undefinierbare Gestalten. Noch hielten sie Abstand. Doch die Stimmen in Elyfs Kopf waren ganz nah.

Halte still, wisperten sie.

Wenn du ganz still hältst, wenn du nicht einmal zitterst, wenn dein Atem deine Brust weder hebt noch senkt, wenn du nicht blinzelst, wenn du ganz, ganz, wirklich ganz still hältst, dann wird auch die Nacht stillhalten. Nichts wird geschehen, wenn du nur stillhältst.

Und Elyf hielt still. Kein unerwartetes Knacken ließ sie zusammenzucken, keine Stimme auf dem Flur herumfahren. Der Wind rüttelte am Fensterrahmen, strich ihr mit kalten Fingern über den Nacken. Aber es ist nur der Wind, nur der Wind, weil das Fenster nicht dicht ist, redete Elyf sich zu und rührte sich nicht. Der Wind wirbelte die Schattengestalten durcheinander. Elyf wagte nicht, sich noch enger zusammenzukauern, wagte nicht wegzuschauen.

Sie hielt still und mit ihr erstarrte die Nacht. Sie schloss sich eng um Elyf, die Hand eines Riesen, der seine Finger um sie schloss, bis sie sich gar nicht mehr rühren konnte, selbst wenn sie es gewagt hätte. Es waren kalte, schwere Finger.

Neue Stimmen kamen hinzu. Zischend. Wutbebend. Gewaltversprechend. Gedrängt. Gepresst. Hässlich. Kaum noch möglich, ein Zittern zu unterdrücken.

Meine Tochter wird nie zu denen gehören!

Leise, du weckst sie noch.

Ist die Tür abgeschlossen?

Das Rütteln an der Türklinke ließ die gesamte Tür ihres Kinderzimmers beben. Sie schlug gegen den Rahmen, gleich würde es krachen, die Tür zerbersten — still, halt still — Elyf kämpfte gegen den Schrei in ihrer Kehle, kämpfte gegen das Zittern, kämpfte gegen das Verlangen sich umzudrehen, sich zu vergewissern, dass die Tür hielt, dass dies heute und hier eine andere Tür war. Eine Tür, die weder krachte noch barst. Sie hielt still.

Wenn sie nur stillhielt, würde es vorbeigehen. Die Nacht würde irgendwann vorbeigehen. Auch diese. Die Schattengestalten umkreisten sie. Streiften sie. Stillhalten. Sie musste nur stillhalten. Auch wenn die Gestalten aus Dunkelheit ihr über die Haare strichen, über die Arme, über die Schultern, den Rücken — mit Schattenfingern, die wie Feuer brannten.

Irgendwann war es hell geworden. Elyf hatte sich zitternd ausgestreckt, erleichtert, weil sie jetzt schlafen durfte, weil sie die Nacht lang durchgehalten hatte. Auch im Schlaf zuckten ihre Arme und Beine, ihre Finger, sogar ihre Haarspitzen.

 

Später, Elyf wusste nicht, wann sie aufgewacht war, stolperte sie die Treppen hinunter von ihrem Zimmer in die Crow-Bar, in diesen Raum voller freundlicher Gesichter, die zu viel schienen nach dieser Nacht. Elyf eilte durch die Bar, bevor irgendwer sie ansprechen konnte, setzte sich an den Tresen.

Yra, die heute dahinter Dienst tat, blickte sie nur an, sagte nichts, aber schob ihr einen Becher Kaffee zu. Elyf hielt das Gesicht in den tröstenden Dampf, der daraus aufstieg. Sie atmete tief ein und wieder aus.

Eine dieser Nächte, was?“, fragte Yra ruhig.

Elyf fuhr auf. „Woher weißt du …?“

Yra sah sie nicht an, polierte weiter ein Glas mit einem nicht mehr ganz sauberen Handtuch, hielt es gegen das Licht einer Kerzenflamme, runzelte die Stirn und polierte eine Stelle nach. „Wenn eine mittags mit diesem Blick zum Frühstücken kommt …“ Sie zuckte mit den Schultern. Ihr Ton blieb genauso ruhig wie ihre Hände, als sie das Glas zurück ins Regal stellte und nach dem nächsten griff. „Jede hier hat ihre Geschichte.“ Sie deutete mit dem Kinn in den Raum voller Krähenschwestern. „Und wir alle kennen diese Nächte.“

Wird es besser?“, fragte Elyf, ohne das Gesicht aus dem Kaffeedampf zu heben. „Gehen sie irgendwann ganz weg?“

Vielleicht.“ Yra warf das Handtuch zielsicher in einen Eimer und nahm sich ein frisches. „Ich kann die Angst in solchen Nächten inzwischen vertreiben, wenn es mir gelingt, mich zu wandeln. Hat allerdings eine Weile gedauert, bis ich das konnte.“ Sie rieb weiter an dem längst funkelnden Glas herum. „Wenn ich mir lange genug zurede, mir immer wieder sage, dass ich in der sicheren Gegenwart bin, dann kann ich irgendwann die Finger aus dieser Starre lösen, kann mein Tattoo berühren, mich wandeln.“ Yra stellte das Glas weg und zog mit einem Finger einen Kreis um das Krähentattoo an der Unterseite ihres Handgelenks. „Jede kleine Bewegung hilft. Versprochen.“ Sie stützte die Hände auf den Tresen, sah Elyf aus ihren dunklen Augen an. „Du wirst das hinbekommen. Gib dir Zeit.“ Yra machte ein Zeichen Richtung Küche. Gleich darauf stand eine Schüssel voll warmer, dicker Suppe vor Elyf. Yra reichte ihr einen Löffel. „Das beste Frühstück nach einer dieser Nächte“, sagte sie nachdrücklich. „Iss.“

Elyf tauchte den Löffel ein. Es kam ihr gar nicht in den Sinn zu widersprechen. Und eine bessere Suppe hatte sie nie zuvor gekostet. Sie schmeckte nach Zuversicht und nach Zuhause.

(Im November lassen wir uns bei @phantastischermontag von dem Song „Kid Fears“ der Indigo Girls inspirieren. Die anderen Geschichten könnt ihr nachlesen bei: Carola Wolff Bella Ella, bei C. A. Raaven Kinderspiel, Alexa Pukall Kohlefresser.)

Phantastischer Montag: Vielleicht

Elyf öffnete die Tür.

Der erste Blick hinein war eine Enttäuschung. Nur wenige Schritte hinter der Tür versperrte ein schwerer schwarzer Vorhang die Sicht. Obwohl eben noch den zwei eng umschlungenen Gestalten Licht und Gelächter gefolgt waren, als sie die Bar verließen. Jetzt lag da nichts als Dunkelheit. Elyf zögerte.

Vielleicht hatte sie sich das alles nur eingebildet. Vielleicht war sie noch immer zu Hause, eingesperrt für die Nacht. Vielleicht lag sie in ihrem Bett — oder versteckte sich darunter — oder hatte sich in ihren Schrank verkrochen. Vielleicht hatte sie ihren Ausbruch nur geträumt.

Vielleicht hatte sie wie immer die Augen so fest zusammengekniffen, bis sie Dinge sah, die nicht da waren. Eine Krähe zum Beispiel. Auf dem Fensterbrett. Als sie den Vorhang beiseite geschoben hatte, weil da dieses klack-klack-klack war, unaufhörlich tönte.

Und da war die Krähe gewesen, außen an ihrem Fenster, und hatte gegen ihre Scheibe gepickt.

Oder eben auch nicht. Denn sie bildete sich Dinge ein. Sagten ihre Eltern. Dinge, die nicht da waren. Dinge, die nicht sein durften.

Vielleicht hatte sie sich auch Tante Käthe mit ihrem Kräuterladen eingebildet. Vielleicht war sie nie dort gewesen sondern immer nur hier in ihrem Zimmer, in der Dunkelheit. Vielleicht hatte Tante Käthe nie zu ihr gesagt: Wenn du nicht weiter weißt, folge einer Krähe.

Denn wer sagte so etwas schon. Und wer tat so etwas, einer Krähe folgen.

Vielleicht hatte sie sich also die Krähe eingebildet, war der eingebildeten Krähe nur in Gedanken durch die Stadt gefolgt, denn wer folgte schon einer Krähe, welche Krähe wartete schon höflich, bis ein Mensch ihr auf Dächer hinterherkletterte und über Abgründe zwischen Häusern hinterhersprang.

Vielleicht lag sie also in ihrem Bett und die Fensterscheibe in ihrem Zimmer war nicht gesprungen, nicht zerschlagen, die Haut an ihren Händen nicht aufgerissen, die Krähe ihr nicht vorangeflogen und sie ihr nicht hinterhergeklettert und -gesprungen und -gerannt.

Vielleicht war dieser Luftzug an ihrem Rücken nur einer, der durch die Ritzen neben den Fenstern kroch. Vielleicht schlief sie und träumte. Vielleicht träumte sie und war wach.

Vielleicht

Mach die Tür hinter dir zu, wenn du reinkommen willst“, ertönte eine Stimme vor ihr.

Elyf zog die Tür zu.

Klack. Sie fiel ins Schloss.

Klack. Ein Licht schien vor ihr auf.

In dem Lichtkegel saß eine Frau auf einem Barhocker. Sie saß vor dem schweren schwarzen Vorhang. Haare wie Federn fielen ihr bis auf die Schultern, flossen darüber und verschwanden dahinter.

Klack. Klack. Klack, tappte sie mit einem grau lackierten Fingernagel auf das Holz des Barhockers. „Was willst du hier?“

Wenn sie sprach, tanzten tintenschwarze Federn auf ihren Wangen, auf jeder Seite eine, tief in die Haut geprägt.

Elyf starrte in das Licht, starrte auf die Frau, starrte, während ihre Gedanken sich übereinanderschoben, die Worte sich verhaspelten, bis kein einziges mehr einen Sinn ergab.

Klack. Klack. Klack. „Du bist mir hierher gefolgt. Jemand hat dich also erkannt. Sag einfach, was du willst, und ich lasse dich herein.“ Das Klacken unterlegte ihre Worte und setzte sich in der Stille fort.

Klack. Klack. Klack.

Vielleicht stand sie immer noch in ihrem Zimmer, am Fenster, vielleicht pickte die Krähe immer noch mit ihrem Schnabel gegen die Glasscheibe. Und wenn Elyf lange genug dort stand, würde irgendwann das erste graue Morgenlicht die Dunkelheit vertreiben. Irgendwann würde die Sonne aufgehen, irgendwann würde der Schlüssel im Türschloss quietschend und knackend gedreht, und die Nacht wäre vorbei.

Klack. Klack. Klack.

Die Krähe flöge fort.

Klack. Kla-

Ich will nie wieder zurück!“

Das lässt sich einrichten“, sagte die Krähe.

Wie flatternde Flügel schwang der Vorhang zu beiden Seiten auf. Gesprächsfetzen, Gelächter, Gesang, Gläserklirren schwappten Elyf entgegen. Der Raum war weit und lag unter der Decke eines hellen Sommerabendhimmels. Links von ihr streckte sich ein langer Tresen, streckte sich und streckte sich und Elyf konnte sein Ende nicht erspähen. Ihre nackten Füße sanken sanft in warmen, weichen Sand. Musik umspülte sie wie leichte Wellen, getragen von Stimmen, rau und nah und fern und vertraut.

Sie wusste, wo sie war, ohne jemals zuvor hier gewesen zu sein.

Manche tanzten, manche gestikulierten und redeten, manche lachten, manche sahen sich still lächelnd um, manche hüpften in Krähengestalt über den Sand, manche flogen auf, wirbelten herum, schneller und wilder und schneller, bis ihre Gestalt verschwamm, bis ihr Flügelschlagen stoppte und sie taumelnd und lachend in einem Wirbel langer dunkler Federhaare zum Stehen kamen, die Arme wie zur Balance weit ausgestreckt.

Komm.“ Die Krähenfrau, die am Eingang auf sie gewartet hatte, nahm sie bei der Hand. Elyf folgte ihr, wie sie ihr schon durch die ganze Stadt gefolgt war.

Sie blieben erst vor einem hohen, pyramidenförmigen Zelt stehen.

Wellen liefen über den Strand, leckten an Elyfs Zehen, liefen langsam zurück ins Meer. Aus dem Zelt drang ein leises Klack-klack-klack.

Die Krähenfrau hielt sie an einer Schulter fest. „Letzte Möglichkeit umzukehren“, sagte sie so leise, dass das Rauschen der Wellen sie fast übertönte. „Du kannst eine von uns sein. Oder du schließt die Augen, und ich bringe dich zurück.“

Klack. Klack. Klack.

Elyf bohrte die Zehen in den feuchten Sand. Das Wasser floss kühl-warm über ihre Fußrücken, kitzelte ihre Knöchel. Die Salz-getränkte Luft strich über ihre Wangen, prickelte an ihren aufgeschürften Händen. Haare wie Federn streiften ihre Arme. Sie blinzelte nicht einmal. Sie schloss ihre Augen nicht. Sie schlug die Zeltwände zurück und trat hinein. Der Duft getrockneter Kräuter küsste sie auf die Wangen, legte sich um ihre Schultern.

Endlich“, begrüßte sie Tante Käthe. „Ich habe fast schon befürchtet, wir hätten dich verloren. Setz dich.“ Sie klopfte neben sich auf den Boden.

Elyf ließ sich an ihrer Seite nieder. Vor Tante Käthe stand ein Glasbehälter mit dunkler Tinte. Daran lehnte ein Holzstab mit einer scharf abgeknickten Spitze. Tante Käthe schloss eine Hand um einen glatten, runden Stein. „Du gehörst schon jetzt zu den Krähen“, sagte sie. „Du hast bei uns deinen Platz, solange du bleiben willst.“

Für immer, wollte Elyf antworten, doch Tante Käthe hob ihre freie Hand, bedeutete ihr noch kurz zu schweigen und zuzuhören. „Wenn du auch deine Krähengestalt und deine Flügel möchtest, musst du deine Zeichnung annehmen.“ Sie tippte auf den Holzstab.

Elyf dachte an die wirbelnden Gestalten, dachte an die Krähe, die ihr vorausgeflogen war, dachte an die Dunkelheit in ihrem Zimmer. Ihre Antwort stand längst fest und sie gab sie mit leichter Stimme.

Klack. Klack. Klack. Mit jedem Tropfen Farbe, der unter ihre Haut floss, spürte Elyf ihre Federn wachsen, hörte immer lauter das Rauschen des Windes unter ihren Flügeln.

(Das war die versprochene Fortsetzung zur Geschichte Tante Krähe aus dem letzten Monat. Im Oktober lassen wir uns beim phantastischen Montag inspirieren von dem Song „Alison Hell“ (Annihilator) – und wieder sind dabei ganz unterschiedliche Geschichten entstanden … lest selbst bei: Carola Wolff Untergrund, C. A. Raaven Black Rabbit, Alexa Pukall Dunkel und still)

Phantastischer Montag: Tante Krähe

Wenn du nicht weiter weißt, folge einer Krähe, hatte Tante Käthe gesagt. Und die anderen Kinder hatten sie verspottet: Tante Käthe, Tante Krähe, kra-kra-kra! Dann waren sie lachend davon gerannt. Aber Elyf war geblieben. In Tante Käthes Kräuterladen fühlte sie sich von Anfang an zuhause.

Also war sie jetzt den ganzen Tag lang bis in die Dunkelheit hinein einer Krähe gefolgt. Die war nie vor ihr geflüchtet, hatte sogar höflich gewartet, wenn sie mit ihren Armen und Beinen und eben ohne Flügel Dächer und Mauern nicht so schnell hinauf kam. Mancher Sprung von einem Dach zu einem anderen war waghalsig gewesen — aber nie unmöglich. Auch darauf schien die Krähe stets geachtet zu haben. Nun hockte sie auf einer Stange über einer Kneipentür und blinzelte zu ihr hinunter.

Du willst jetzt aber nicht, dass ich da zu dir hochkomme, oder?“ Elyf sah zu dem grau-schwarzen Vogel hinauf. Die Krähe schüttelte leicht ihre Flügel und senkte den Kopf, als wollte sie mit dem Schnabel auf das Namensschild der Bar deuten, das unter ihr an der Stange baumelte. Crow-Bar.

Sehr witzig“, murmelte Elyf. Sie zupfte an ihrer Hose, ihrer Lederjacke, ihrem Hemd, die alle etliche Schrammen und Risse aufwiesen von ihrer Kletterei. An ihren Fingerknöcheln brannten mehrere Abschürfungen. Sie fuhr sich durch die kurzen Haare. Die fühlten sich nicht einmal mehr nach Frisur an. Daran war sie allerdings selbst schuld. Insgesamt sah sie sicherlich eher aus wie nach einer durchzechten Nacht in einer Bar, Kneipenschlägerei inklusive, und nicht wie eine, die sich bislang nicht einmal aus ihrem Viertel gewagt hatte.

Wahrscheinlich sah sie auch nicht aus wie eine, die nach genau dieser Bar gesucht hatte. Elyf trat ein paar Schritte zurück. Die Krähe krächzte vorwurfsvoll. Elyf blickte hektisch nach allen Seiten um sich. Aber sie war nach wie vor allein in der Gasse. Zumindest soweit sie das im gelblich-trüben Licht der Laternen erkennen konnte.

Wenn du nicht weiter weißt, folge einer Krähe, hatte Tante Käthe gesagt, die strenggenommen nicht ihre Tante war. Elyfs Eltern hatten sie jedes Mal missmutig aus dem Kräuterladen gezerrt, wenn sie das mitbekamen. Später verzogen sie zwar immer noch missmutig die Miene, wenn sie den Satz hörten, doch Elyf war längst kein Kind mehr, das sich irgendwo wegzerren ließ. Sie seufzte. Offenbar war sie auch nicht Frau genug, einfach diese Bar zu betreten.

Und die Krähe hockt schließlich auch davor und nicht drinnen, argumentierte sie stumm und unter dem heftigen Pochen ihres Herzens.

Die Tür wurde von innen aufgestoßen. Mit dem Licht schwappten Gesprächsfetzen, Gelächter, Gesang, Gläserklirren hinaus auf die Gasse, dicht gefolgt von zwei eng umschlungenen Gestalten. Und als hätte die Krähe das stumme Argument ihrer Angst gehört, flog sie mit einem lauten Krächzen mitten in das Licht und den Lärm hinein. Hinter ihr schlug die Tür wieder zu. Die zwei eng umschlungenen Gestalten schlenderten durch Stille und Dunkelheit davon, schickten ab und an ein leises Lachen in die Nacht, das verklang, als sie am Ende der Gasse um eine Ecke verschwanden.

Elyf zog die Jacke enger um sich. Wärmer wurde ihr davon nicht.

Folge der Krähe, hörte sie Tante Käthes Stimme in ihrem Kopf. Und es schien ihr schwieriger, als Hauswände hinaufzuklettern und über die Abgründe zwischen Dächern zu springen. Ja, sie würde jetzt lieber diesen gesamten Weg noch einmal auf sich nehmen, statt eine Hand auf den Messinggriff dieser Tür zu legen und sie aufzuziehen. Sie blickte sich sogar nach einer Krähe um. Aber natürlich tat ihr keine den Gefallen, genau jetzt und genau hier zu erscheinen, damit sie ihr anderswohin folgen könnte.

Was wohl die drinnen von der Krähe hielten?

Vielleicht war es für sie gar nicht ungewöhnlich, dass eine Krähe in die Bar flog. Vielleicht war es nur ungewöhnlich, dass die Krähe allein kam. Vielleicht sollte sie ihr endlich folgen und ihr die Peinlichkeit ersparen, ohne Begleitung dort drinnen zu hocken. Elyf strich sich durch die Haare, zog an den Ärmeln ihrer Lederjacke, die immer noch nicht groß genug werden wollte, dass sie sich ganz darin verkriechen könnte.

Sie konnte immer noch umdrehen. Irgendwie würde sie schon einen Weg zurück in bekannte Gefilde der Stadt finden. Sie musste nur lange genug durch die Gassen irren, bis die wieder breiter wurden, bis wieder Droschken und Straßenbahnen fuhren, die sie zurückbringen würden. Zu ihren Eltern. Wo sie das alles vergessen müsste. Die Krähen. Tante Käthe. So tun als ob. Bis als ob alles andere wegdrängte. Tante Käthe. Die Krähen. Sie selbst.

Ihre Kehle fühlte sich wund an und zu eng zum Schlucken. Elyf zwang sich, tief ein- und auszuatmen. Noch einmal. Und wieder. Und wieder. Elyf legte beide Hände um den Messinggriff. Ihr Herz pochte so laut, als wollte es ihre Ohren von innen sprengen. Atmen, befahl sie sich mit Tante Käthes Stimme. Ihr Brustkorb dehnte sich vor Luft, als könnte ihr ganzer Körper leicht werden und Krähenflügel sie wegtragen. Elyf öffnete die Tür.

… Fortsetzung folgt!

(Im September lassen wir uns bei #phantastischermontag von dem Song Crowbar – von Frank Carter & the Rattlesnakes – inspirieren. Was dabei noch entstanden ist, könnt ihr bei Carola Wolff: Braves Mädchen, C.A. Raaven: Future is Now und bei Alexa Pukall: Das Krähennest nachlesen.)

Phantastischer Montag: Rauchkrähen

Sie riefen den Rauch zu sich. Sie kreisten hoch über dem Feuer, die schwarzen Schwingen gestreckt, die Luft strömte über ihre rauchgrauen Rücken. Sie kreisten und riefen den Rauch zu sich. Hoch oben, wo die Hitze der Flammen sie nicht mehr erreichte. Aber sie erinnerten sich an die Hitze, und die Erinnerung machte ihre Stimme rau und zärtlich zugleich. Sie riefen den Rauch zu sich. Hoch hinauf, wo sie die Hitze nicht spürten, aber die Schreie noch hörten. Die voller Schmerzen ebenso wie die voller Hass. Sie riefen den Rauch zu sich. Riefen mit ihren rauen Stimmen voller Zärtlichkeit. Sie riefen, lockten, beruhigten, und der Rauch wand sich zu ihnen empor, reckte sich ihnen entgegen. Der Rauch kreiste zwischen ihren Schwingen, trug still allen Schmerz zu ihnen hinauf, alle Erinnerungen, alles Lachen, alles Leben.
Sie fingen den Rauch ein, fingen alles ein, was er zu ihnen hinauftrug. Sie formten den Rauch mit ihren Schwingen und dem Wind, sie kühlten ihn, sie hielten die Erinnerungen zusammen, sie flogen in wilden Mustern und gaben ihnen ein neues Heim. Eines, das kohlenschwarz und rauchgrau war wie sie selbst.
Die Schreie von unten waren längst verstummt, die Menge hatte sich zerstreut. Nur ein paar Scheite glühten noch, schickten die letzten Rauchfahnen hinauf. Sie fingen sie ein. Nichts ging verloren. Sie sammelten alles ein, sie lenkten mit ihren Schwingen den Wind, formten der alten Seele eine neue Gestalt. Ihre rauen Stimmen fügten alles zusammen. Nichts ging verloren. Keine Erinnerung. Kein Lachen. Keine Begegnung. Kein heimlicher Kuss. Kein Wissen, weitergereicht durch Generationen. Rituale so alt wie Feuer. Sie fingen sie ein. Nichts ging verloren. Kein Wort gesprochen in Hast. Kein Zwinkern in einem übervollen Raum, dessen Bedeutung nur zwei kannten.
Als auch der letzte Scheit weit unter ihnen ausglühte, erhob sich in ihrer Mitte eine neue Stimme, eine Stimme rau von Erinnerung, das Gefieder stark und schwarz wie Kohle und grau und zart wie Rauch. Sie lauschten ihr und riefen ihr zu, sie legten alle ihre Schwingen eng an die Körper und stürzten sich hinab, flogen dicht an dicht über den erkalteten Scheiterhaufen hinweg, ließen die Asche aufstäuben, bis sie über den Häusern der Stadt niederregnete.

Später, viel später, nachdem sie den Geruch von Feuer wieder vertrugen, ohne dabei an Schreie zu denken, kamen sie zu denen, die um Feuer tanzten und über Flammen sprangen, zu denen, die noch manch alte Erinnerung bewahrten und um die Magie in sich wussten. Und wenn eine von ihnen im Licht der Flammen in den hochsteigenden Rauch blickte, hinter dem die Rauchkrähen kreisten, sah sie darin die Gestalten derjenigen, die vor ihr gekommen waren. Und sie tanzten.