Phantastischer Montag: Die Geister, die ich rief

Halloween in Ostberlin, dröhnten mir bereits unten im Hausflur entgegen, und ich freute mich über den guten Musikgeschmack in meiner Nachbarschaft. Zwar dauerte es noch einige Tage bis zu dem besungenen Datum, aber Silly ließ sich immer hören. Ich nickte mit dem Kopf im Takt, während ich die Treppen hinaufstieg. Klar, es war laut. Aber manche Musik brauchte eben Lautstärke.

Die hier nahm mit jedem Treppenabsatz zu. Und mit jedem weiteren, den ich erklomm, wuchs in mir eine bestimmte Befürchtung. Als ich die letzten Stufen erreichte, fand sie Bestätigung. Mein Nachbar hämmerte mit den Fäusten auf meine Wohnungstür ein und schrie ununterbrochen: „Aufmachen! Lärmbelästigung! Aufmachen! Sofort!“ Er war schon ziemlich heiser. Da er mir den Rücken zuwandte, hatte er mich noch nicht bemerkt.

Tamara Danz sang lauthals von schwoofenden Gespenstern. Ich presste hinter meiner Maske die Lippen aufeinander, um nicht mitzusingen, und räusperte mich. Mein Nachbar hörte mich erst beim fünften Mal. Er fuhr herum, riss sich die eigene Maske vors Gesicht.
„Sie!“ Er starrte mich an, die Fäuste noch erhoben, als wäre ich die Tür, auf die er gleich wieder einschlagen wollte. Ich trat vorsichtig einen Schritt zurück. Er ließ die Fäuste sinken und überwand seine kurzzeitige Sprachlosigkeit. „Sie, das geht aber nicht, dieser Lärm! Seit drei Stunden. Derselbe Song. Das ist – das ist …“ Er schüttelte den Kopf. „Das ist eine Zumutung.“

Ich bemühte mich, Mitgefühl und Verständnis in meinen Blick zu legen. „Entschuldigen Sie. Mein Besuch ist etwas …“ Wie bezeichnete man einen kleinen Drachen, der alles um sich herum vergaß, wenn ihn etwas begeisterte? „Rücksichtslos“, schloss ich lahm.
„Allerdings“, ereiferte sich mein Nachbar. Und obwohl ich von seinem Gesicht nur Augen und Stirn sah, merkte ich ihm an, dass er jetzt am liebsten gewusst hätte, warum ich in diesen Zeiten überhaupt Besuch bekam, wer das war, wie lange diese rücksichtslose Person bleiben würde, womit man noch zu rechnen hätte, aber – er hielt sich zurück. „Unternehmen Sie was! Sofort!“, blaffte er mich stattdessen an und verschwand in seiner eigenen Wohnung, knallte die Tür hinter sich zu. Ich schloss meine auf. In Erwartung von Chaos und einem aufgedreht herumflatternden Drachen schob ich die Tür nur gerade so weit auf, dass ich mich hineinschmuggeln konnte, ohne dem Nachbarn an seinem Türspion einen Blick nach drinnen zu gewähren.

Doch bis auf die laute Musik herrschte Ruhe. Kein Drache kam im Sturzflug auf mich zu. Nichts brannte. Nicht mal ein Fitzelchen Papier lag auf dem Boden oder irgendwo sonst, wo es nicht hingehörte. Kein Luftzug, kein offenes Fenster, kein Scheppern in der Küche. Halloween, setzte der Refrain wieder ein, und ich war mit wenigen Schritten vor meiner Stereoanlage (ja, ich bin so altmodisch) und drückte auf Stopp.

In der Stille hallte mir immer noch der Refrain durch den Kopf, auch wenn ihn jetzt niemand mehr sang. So still war es hier nicht mehr gewesen seit … seit Mai. Seit ich Ti’run in der Sockenschublade (pardon, seiner Höhle) entdeckt hatte. Ich spähte zur Kommode hinüber. Die Schublade war geschlossen. Kein Laut drang hinaus.
Die Stille drängte sich von allen Seiten an mich. So still, dass ich schon die Hand nach dem Play-Knopf ausstreckte, nur damit die Musik die wispernden Stimmen in meinem Kopf übertönen würde.

Niemand hier außer dir.
Ein Drache – du hast wirklich geglaubt, da wäre ein Drache in deiner Kommode.
Du bist verrückt geworden. Durchgedreht.
Zu viel Einsamkeit kann Wahnvorstellungen auslösen.
Bestimmt hast du einfach vergessen, die Musik auszuschalten, als du vorhin gegangen bist. Wäre ja typisch. So verloren in Gedanken.
Verrückt und verloren, verrückt und verloren. Niemand hier außer dir. Verloren.

Sie kicherten und wisperten und höhnten. Ich drehte mich langsam um mich selbst, spähte in jede Zimmerecke, wünschte mir, ich könnte die Stimmen so leicht abschalten wie die Musik. Sie blieben.

Niemand hier außer dir, raunten sie mir zu, umwehten mich wie Gespenster. Ich konnte ihnen nicht einmal ausweichen, denn meine Füße fühlten sich tonnenschwer an, ließen sich keinen Millimeter heben. Ich ließ mich zu Boden sinken. Schloss die Augen. Doch den Gespensterstimmen entkam ich nicht. Sie streiften meine Haare, meine Wangen. Kühl und … feucht?

Ich blinzelte. Eine bunt schillernde, leicht zitternde Kugel, ein hauchdünnes, durchsichtiges Gebilde schwebte neben mir vorbei, sank langsam immer tiefer und zerplatzte wenige Zentimeter über dem Boden. Eine nächste folgte. Und noch eine. „Seifenblasen?“ Meine Stimme zitterte genauso wie die glänzende Kugel, die vor meiner Nase zerbarst. Ich wischte mit die kühlen Tropfen von der Nasenspitze.
„Du hast ihre Flugbahn gestört!“, empörte sich eine Stimme von hoch oben und hinter mir. Keine Gespensterstimme sondern eine, die ich in den letzten Monaten nur zu gut kennengelernt hatte. Ich sprang auf und fuhr herum.
„Ti’run!“

„Wer sonst?“ Er hockte auf dem Lautsprecher, der ganz oben auf dem Regal thronte, umkrallte mit einer Pfote das Fläschchen mit der Seifenblasenflüssigkeit und mit einer anderen das Teil, das wie ein zu klein geratener Tennisschläger ohne Bespannung aussieht und in die Seifenblasenflüssigkeit getaucht wird. Verträumt blickte er der nächsten Seifenblase hinterher, der ich nun nicht mehr in der Flugbahn hockte.

„Warst du die ganze Zeit über da?“, fragte ich vorsichtig und konnte die Furcht nicht abschütteln, der kleine blau-grüne Drache würde genau wie die Seifenblasen zerplatzen und verschwinden, wenn ich nur ein falsches Wort sagte (ohne dass ich wusste, was das falsche Wort sein könnte).

„Im Gegensatz zu dir.“ Ti’run blickte auf mich hinab und legte den Kopf zur Seite. „Du hättest wenigstens die Musik ausmachen können, bevor du gegangen bist. Oder mir verraten, wie man diese Technik bedient. Ich meine, es ist ein toller Song – aber auch der verliert nach zu vielen Wiederholungen an Tollheit.“

Ich widersprach nicht, obwohl ich entschieden anderer Meinung war.

Phantastischer Montag: Sockenfrieden 2020

Ich hatte beschlossen, mich auf die Lauer zu legen. Da konnten noch so viele behaupten, die Waschmaschine würde die Socken fressen – es stimmte einfach nicht. Meine Socken verschwanden an anderer Stelle, und ich würde jetzt endlich herausbekommen, wo und wie. Einen Verdacht hatte ich bereits: die Sockenschublade. Und die hatte ich vom Bett aus am besten im Blick.
Am ersten Tag blieb ich also schlicht im Bett liegen, nahm mir zur Tarnung ein Buch und wartete. Nun ist das mit dem Warten so eine Sache. Ohne das Warten hätte ich ohne Probleme den Tag im Bett verbringen können. Ich meine, was gibt es Besseres als einen faulen Tag im Bett mit einem guten Buch? Aber ich wollte ja beobachten und nicht lesen. Ich wollte, dass etwas passierte. Und es passierte – nichts.
Halb saß, halb lag ich im Bett, hielt mich an meinem Buch fest und starrte über den oberen Buchrand hinweg auf die Sockenschublade. Das gab mir viel Zeit, über die eigene Verrücktheit nachzudenken. Wer glaubt schon ernsthaft, Socken könnten aus einer geschlossenen Sockenschublade verschwinden? War meine Phantasie jetzt endgültig mit mir durchgegangen? Phantastische Geschichten schreiben war das eine, wirklich daran zu glauben, überschritt eine Grenze. Aber lassen sie sich wirklich schreiben, ohne nicht wenigstens ein bisschen daran zu glauben? Die Schublade jedenfalls blieb geschlossen und nichts rumorte darin.
Andere hätten an dieser Stelle vermutlich aufgegeben, hätten den einen Tag als vorübergehende Verrücktheit abgeschrieben, eine kleine Schrulle, hätten vermieden, jemals wieder daran zu denken und hätten ihr Leben weitergelebt, verschwindende Socken hingenommen. Aber das gelang mir nicht. So lag ich am nächsten Tag wieder auf der Lauer. Denn mir war eines klar geworden: Ich hatte mich am ersten Tag viel zu auffällig benommen. Ich musste mich geschickter anstellen. Wer immer meine Socken aus der Schublade entwendete, würde das nicht tun, während ich diese den ganzen Tag lang anstarrte.
Dieses Mal war ich besser vorbereitet. Ich stand ganz normal auf, machte alles, was ich morgens normaler Weise tue – Kaffee kochen, Müsli vorbereiten, Radio laufen lassen, Nachrichten und Songauswahl mit gemurmelten Kommentaren versehen, das Fenster aufreißen, um die nachts veratmete Luft gegen frische einzutauschen. Dann ging ich an den Schreibtisch und schaltete den Computer ein. Ein paar Minuten saß ich da und klapperte auf der Tastatur herum. Nahm das Tastenklappern auf. Von der Sockenschublade aus konnte man den Schreibtisch zwar nicht sehen (und umgekehrt), aber man konnte hören, ob da jemand arbeitete oder nicht. Das aufgenommene Tastenklappern ließ ich in Dauerschleife laufen und schlich mich zurück ins Bett. Ich verkroch mich komplett unter der Decke, schuf mir einen kleinen Sichttunnel und wartete.
Natürlich hätte der Sockendieb meine Morgenroutine ausnutzen können. Aber vielleicht hatte ich ja Glück und der Sockendieb schlief länger als ich. Die Vögel auf dem Hinterhof übertönten das Tastenklappern. Ich hatte vergessen, das Fenster zu schließen. Doch ich konnte nicht wieder aufstehen, zwischen den beiden Bücherregalen hindurch gehen, die den Schlaf- vom Arbeitsbereich trennten, und das Fenster zumachen. Das hätte mich verraten. Wenn ich Vögel an ihren Stimmen erkennen könnte, hätte ich mich damit unterhalten zu identifizieren, wer da auf dem Hinterhof pfiff. Das kam auf die Liste der Dinge, die ich – irgendwann einmal – lernen könnte. Da ich nichts mit unter die Bettdecke genommen hatte, blieben mir zur Unterhaltung nur meine eigenen Gedanken.
Wozu stahl man Socken? Einzelne noch dazu. Nestbau? Aber ich hätte es bemerkt, wenn ein Vogel in die Wohnung kam, die Sockenschublade öffnete – welcher Vogel konnte das schon? – und sich mit einem Socken wieder davon machte. Dazu müsste der Vogel nicht nur die Schublade öffnen, er müsste auch die Sockenpaare voneinander trennen können. Außerdem wäre er schon mit dem Flattern der Flügel aufgeflogen. Buchstäblich.
Ein Sockenfetisch? Von einem Fetisch für Sportsocken hatte ich gehört, aber solche besaß ich nicht. Meine Socken waren größtenteils schwarz. Ein paar bunte hatten sich im Laufe der Jahre dazu gesellt, oft Geschenke von denen, die meinten, ich müsste ein wenig mehr Farbe in mein Leben bringen. Dabei ist das Leben in meinem Kopf bunt genug. Aber ab und an trage ich inzwischen auch mal die gemusterten oder die leuchtend grellen Socken. Das fing aus purer Höflichkeit an. Es folgte Gewöhnung und schließlich waren sie mir ans Herz gewachsen, weswegen es mich jetzt ärgerte, wenn einzelne von ihnen verschwanden. Und es verschwanden mehr bunte als schwarze. Da wollte wer Farbe ins eigene Leben bringen. Außer diesem Erkenntnisgewinn brachte der Tag mir nichts ein.
So ging das einige Tage. Zum Glück lebte ich allein, nicht einmal eine Katze war da, die mein Verhalten hätte verstören können. Und so musste ich mir auch keine Gedanken darüber machen, ob ich nun durchdrehte, wo ich so Tag um Tag, Woche um Woche unter meine Bettdecke kroch, um meine Sockenschublade zu beobachten.
In der rührte sich nichts.
Spätestens ab Woche drei hätten Außenstehende vermutlich begonnen, an meinem Verstand zu zweifeln. Ich hingegen fand den Zustand immer gemütlicher. Gut, das mit dem Schlafen wurde schwieriger mangels Tagaktivität. Aber von so etwas ließ ich mir doch keine Vorschriften machen! Vermutlich sah ich inzwischen auch recht blass aus, doch da ich jeden Blick in Spiegel vermied, musste ich mir auch darum keine Gedanken machen.
Manchmal bildete ich mir ein, Geräusche aus der Sockenschublade zu hören. Aber sie stellten sich dann immer wieder als die aufgenommenen Alltagsgeräusche heraus, die in Dauerschleife liefen. Inzwischen hatte ich den Player auf zufällige Auswahl eingestellt, damit mehr Abwechslung hineinkam.
Ich hatte längst aufgehört, die Tage zu zählen. Dann zählte ich auch die Wochen nicht mehr. Und dann hörte ich es – in einem dieser raren Momente, in dem ein Sonnestrahl auf die Sockenschublade fiel. Ein schabendes Geräusch. Kein Irrtum. Die Sockenschublade bewegte sich. Ich blinzelte. Ich presste die Hände auf die Matratze, wollte ganz sichergehen, dass ich hier lag und nicht vor der Kommode stand. Ich lag. Und die Schublade bewegte sich weiter.
Sie klemmte ein wenig, man musste zwei Mal an ihr ruckeln, wenn sie ein Viertel geöffnet war. Da war das erste Ruckeln. Da das zweite.
Noch immer lag ich im Bett. Der Platz vor der Kommode war leer. Ein Geist? Hatte ich die ganze Zeit mit einem Geist gelebt, ohne es zu merken?
Die Schublade stand nun halb offen.
Ein leiser, wohliger Seufzer ertönte. Er kam aus der Schublade. Und ich erkannte den Fehler in meinem Versuchsaufbau: Ich konnte von meiner Position aus nicht in die Schublade hineinschauen. Wieder ertönte dieser wohlige Seufzer und gleich darauf stieg ein graues Wölkchen auf.
Es kostete mich einiges an Zurückhaltung nicht aufzuspringen. Mit dem Wölkchen wehte der Geruch verbrannter Wolle herüber. Feuer?!? Nun sprang ich doch auf. Mein erschreckter Schrei mischte sich in ein Grollen, wie das eines Mini-Donners. Auch das kam aus der Schublade, zusammen mit einigen hochfliegenden Socken und Funken. Socken und Funken wirbelten umher. Die Funken verglühten, die Socken fielen zurück – verteilten sich auf dem Boden und der Kommode. Nur wenige fielen in die Schublade zurück. Ich starrte. Nicht wegen der Socken. Sondern weil inmitten der Socken ein kleiner blau-grüner Drache hockte. Der Rauch stieg aus seinen Nüstern auf und aus meinen qualmenden Wollsocken.
„Feu-Feuer“, stammelte ich und starrte auf die glimmenden, von Papa gestrickten Socken.
„Feuer“, stimmte der Drache mir zu. Er grinste zufrieden.
Ich stürzte in die Küche und rannte mit einem Krug voll Wasser zurück, goss ihn über der Schublade aus. Der Rauch verdichtete sich zu Qualm, der Drache schnaubte empört.
„Du hast das Feuer getötet!“
Ich fand keine Worte. Ein Drache. In meiner Sockenschublade. Entweder hatten die Wochen unter der Bettdecke mich nun doch durchdrehen lassen oder – dort hockte wirklich ein blau-grüner Mini-Drache und blickte mich vorwurfsvoll an.
„Feuertöterin.“
„Wie bitte?“
„Feuertöterin!“, schrie er.
„Das sind meine Socken!“, schrie ich zurück und deutete auf das durchweichte Durcheinander.
„Ansichtssache.“ Der Drache watete durch den Sockenschlamm und schwang sich auf die trockene Vorderkante der Schublade. Dort breitete er die nacht-blauen Flügel aus und schüttelte sich ausgiebig. Ich wich dem Wassertropfenansturm nicht einmal aus. Ich konnte mich nicht rühren. Ich konnte nur starren.
„Wie kommst du in meine Sockenschublade?“
Der Drache legte die Flügel wieder an. „Deine was? Das ist meine Höhle.“ Er streckte sich, richtete sich zu voller Höhe auf – nicht größer als meine Handfläche einschließlich des kleinen Fingers und weit weniger bedrohlich, als er vermutlich meinte. Wenn man von dem rötlichen Glühen in seinen Nüstern absah. „Meine Höhle. Die du verschleppt hast. Und vollgestopft. Mit diesem Zeugs.“ Er deutete mit einer winzigen Klaue auf die durchnässten Socken. „Und jetzt – jetzt hast du sie auch noch unter Wasser gesetzt!“ Er ließ den Kopf hängen und murmelte vor sich hin: „Feuertöterin, Höhlenfluterin.“
Er wirkte so kläglich, dass ich mich fast entschuldigt hätte. Fast. Ich verschränkte die Arme. „Wo kommst du her? Was machst du hier? Und wieso verbrennst du meine Socken?“
„Du bist ganz schön feindselig für eine Neuzugezogene.“ Der Drache wandte sich nach hinten und ließ eine Flamme über die Schublade gleiten. Ich stürzte vor, doch bekam ihn nicht zu fassen. Wasserdampf stieg auf, während der Drache durch das Zimmer kreiste, immer gerade so hoch, dass ich nicht an ihn herankam, so sehr ich auf hüpfte und sprang und mich streckte. Immerhin setzte er meine Socken nicht mehr in Brand. Ich geriet bald ins Keuchen. Das wochenlange Liegen unter der Bettdecke rächte sich. Ich blieb stehen und stützte die Hände auf die Knie. Der Drache stellte sich auf den dunkelgrünen Lampenschirm, der von der Decke baumelte, hielt sich mit einer Klaue am Kabel fest und blickte zu mir hinunter. Er hatte zweifelsfrei gewonnen. Ich ließ mich rückwärts auf das Bett fallen. Der Drache brachte die Deckenlampe mit leichten Flügelschlägen ins Schaukeln und summte vor sich hin.
Ich lag auf dem Rücken und kam langsam wieder zu Atem, während der Drache auf der Lampe schaukelte. Ein Drache. In meinem Kopf kollidierten Welten, geglaubtes Wissen gegen Wirklichkeit. Er blickte zu mir hinunter.
„Deine Socken nehmen in meiner Höhle zu viel Platz ein.“ Er schwieg ein paar Flügelschläge lang. „Und sie brennen so hübsch.“
Ich seufzte. Mein durchgeschütteltes Hirn beschloss, die Situation hinzunehmen, wie sie war: Ich lag auf meinem Bett und unterhielt mich mit einem Miniatur-Drachen. „Wenn ich eine andere Höhle für dich finde, lässt du dann meine Socken in Ruhe?“
Er wickelte den Schwanz um das Lampenkabel und verschränkte die Vorderpfoten (Beine? Arme?). „Wie wäre es, wenn du einen anderen Ort für deine Socken findest, statt mich aus meiner Höhle zu vertreiben? Hm?“
„Und dann verbrennst du sie nicht mehr?“ Das schien mir ein akzeptabler Kompromiss. Der Drache neigte den Kopf von einer Seite zur anderen, im Takt der schaukelnden Lampe. Dass dem nicht schwindelig wurde! Er stieß mehrere kleine Flammen aus und blickte ihnen verträumt hinterher. Ich bekam Angst um meinen Lampenschirm – vergiss den Lampenschirm, Kabelbrand!, schrie mir die Panik zu. Mühselig hielt ich den Mund.
„Also gut, Neuzugang, Feuertöterin“, sagte der Drache schließlich.
Und so kam es zum Sockenfrieden von 2020.

Nachtrag: Manchmal verschwinden immer noch einzelne Socken. Ich habe mich damit abgefunden. Was sind schon ein paar vereinzelte Socken gegen einen Drachen als Mitbewohner!

Stadtmagie – Teil 1

Neues Jahr, neue Vorsätze: Dieses Jahr will ich es endlich mal schaffen, diesen Blog regelmäßig ein Mal in der Woche zu bespielen! (tief Luft holen) Und da das mit einem Thema leichter fallen sollte (hoffe ich wenigstens), hab ich mir für diese Beiträge den Titel „Stadtmagie“ einfallen lassen. Mir wird öfter mal gesagt, ich sei so ein Hans-Guck-In-Die-Luft, wenn ich durch die Straßen laufe – kann ich verstehen … Aber das liegt nur daran, dass ich so viele interessante Kleinigkeiten entdecke, mit denen dann die Fantasie mit mir durchgeht. Was liegt also näher, als diese Entdeckungen hier mit euch zu teilen? 😉

Schluss der Vorrede, los geht’s:

Wenn man hier das S streicht, erhält man …

Eindeutig, oder? Das ist eine Tarnung für’s WunderAmt. Kommt daher als ein kleiner Laden mit allerlei Krimskrams (inklusive Notizbücher, sehr gefährlich für mich), aber ich bin mir sicher: Wenn man reingeht und das Codewort kennt, wird man umgehend in die Hinterstube geführt, wo ein grummeliger Zwerg an einem Schreibtisch hockt und mit einem Füllfederhalter etwas offensichtlich Wichtiges auf einem Pergament notiert. Er blickt nicht auf, wenn man reinkommt, grummelt nur: „Ziehen Sie eine Nummer und warten Sie, bis Sie aufgerufen werden.“

Tatsächlich entdeckt man dann beim Umschauen einen kleinen goldenen Automaten an der Wand rechts. Mehrere silberne Hebel und Drehknöpfe sind daran, über denen steht: Kleine Wunder erledigen wir sofort, größere dauern etwas länger. Üben Sie sich in Geduld.

Von der unteren Hälfte des Automaten starrt einen ein Drachenkopf mit weit aufgerissenem Maul an. Er ist quietschgrün und streckt eine leuchtend rote Zunge heraus, die sich einem wie eine Miniaturrutsche entgegenreckt. Man denkt sofort an kleine Elfen, die sich bei Nacht damit amüsieren, sobald der grummelige Zwerg das Büro verlassen hat.

Neben jedem Hebel und jedem Knopf ist ein Wort in geschwungener dunkelblauer Schrift aufgemalt.

  • Kleine Wunder
  • Mittlere Wunder
  • Große Wunder
  • Viertelwunder
  • Halbwunder
  • Dreiviertelwunder
  • Ganzwunder

Während man sich noch wundert, in welche Kategorie das eigene gewünschte Wunder wohl fällt, grummelt der Zwerg: „Lesen Sie die Anleitung, bevor Sie wählen. Falsche Entscheidungen halten nur unnötig lange auf.“

Und so entdeckt man, dass der oberste Drehknopf ganz rechts eine andere Bezeichnung trägt als alle anderen: Anleitung zur Wunderwahl. Knopf drei Mal links herum drehen, dann ziehen.

Also dreht man, eins, zwei, drei Mal und zieht. Ein helles Klingeln ertönt, dann hört man ein Geräusch, das an Kindheitszeiten erinnert, an eine Murmelbahn, diese wunderbaren Konstruktionen aus Metall oder auch Holz, über die man bunte Kugeln schickte und voller Staunen ihre Bahn verfolgte. Hier kann man den Weg der Murmel zunächst nur belauschen, bis sie dann über die Zunge des Drachen in die eigene, schnell darunter gehaltene Hand rollt. Bei der Berührung mit der Handfläche springt die Kugel auf und entfaltet sich zu einem dicken, samtigen Pergament …

… Was darauf steht? Ich weiß es nicht. Denn leider, leider kenne ich auch das Codewort nicht, das mich ins Hinterzimmer zu dem grummeligen Zwerg führen würde …