Phantastischer Montag: Zwischen den Welten

Andra ließ zur Beruhigung eine kleine Flamme in sich entstehen, klein genug, dass sie nicht aufsteigen würde, groß genug, dass sie ihr Zuversicht schenkte. Sie beglückwünschte sich dazu, in ihrer Drachengestalt hier zu sein und nicht in ihrer menschlichen Form. Die stetige Flamme in ihrem Inneren verbreitete wohlige Wärme. Sie blickte die Treppe hinauf zu dem geheimnisvollen Wesen, das die Tür zur Sozietät für phantastische Halbwesen in Notlagen X (marks the spot) bewachte. In der Stille unter dem hohen Kuppeldach meinte Andra, ihre eigene innere Flamme knistern zu hören.

Die Wächterin verzog die Lippen ihres menschlichen Anlitzes zu einem Lächeln. Allerdings zu einem, von dem keinerlei Wärme ausging. Andra unterdrückte ein Schaudern. Sie würde vor dieser Wächterin mit Löwenkörper und Menschenkopf keine Schwäche zeigen! Sie würde ruhig bleiben, das Rätsel lösen, wie kompliziert auch immer es sein mochte. Sterben war keine Option. Andra grub die Vorderkrallen in den Marmorfußboden. Das knirschig-kratzende Geräusch durchbrach die Stille, und das Lächeln der Wächterin vertiefte sich.

Hör mir gut zu“, hallte ihre Stimme durch die weite Kuppelhalle. „Hier ist mein Rätsel für dich. Ich bin, was du mitnimmst, nicht, was du zurücklässt. Was bin ich?“

Nicht einmal ihre in den Steinfußboden gegrabenen Krallen boten Andra noch Halt. Was bitte sollte das sein? Ihr Schwanz zuckte, ihre Flügelspitzen zitterten. Das konnte alles sein! Die Flamme in ihrem Inneren flackerte, zischte, erlosch. So also würde es enden. Mit einer Fremden, die mit hochgezogenen Augenbrauen auf sie herablächelte, den pelzigen Schwanz über die Vorderpfoten drapiert – alle Muskeln unter dem täuschend weichen Fell angespannt, bereit zum Sprung.

Sie würde allein sterben und eine ganze Welt mit in den Tod reißen. Elyfs Welt. Elyf. Andra starrte auf den Marmor vor ihren Tatzen, starrte auf die grau-schwarzen Linien im Weiß und konnte nicht verhindern, dass sie sich in ihrem Kopf zu einer Nebelkrähe formten. Einer Nebelkrähe, die sie aus dunklen Augen anblitzte, mit ihr durch den Nachthimmel flog, zwischen den Sternen hindurchtauchte, sich hinabstürzte, auf die Baumkronen weit unter ihnen zusauste, sich abfing, sicher zwischen den Bäumen auf weichem Gras landete, krächzend lachte, sich drehte, sich wandelte, die Arme um sie schloss, während sie beide in Menschengestalt auf das Gras sanken, wispernd, weich, einander wiegend.

Und doch hatte sie Elyf eines immer verschwiegen.

Andra zog mit ihren Krallen tiefe Rillen in den Marmor. Sie schuldete Elyf wenigstens einen Versuch. Den schuldete sie dieser ganzen Welt.

Oh. Die ganze Welt. Vielleicht würde sie doch keine unmöglichen Rätsel lösen müssen. Oder sterben. Andra hob den Kopf. „Ich habe einen anderen Vorschlag. Du tust mir einen Gefallen und lässt mich einfach durch diese Tür, und ich erwidere den Gefallen, indem ich die Welt vor dem sicheren Untergang rette. Sie ist nämlich in Gefahr.“ Mit jedem Satz wurde ihre Stimme leiser. „Ein tödliches Gift breitet sich in ihr aus. Noch weiß niemand davon. Außer mir.“

Die Wächterin betrachtete sie schweigend, immer noch mit diesem halben Lächeln. Sie strich mit einer Pfote über ihren Schwanz und summte dabei vor sich hin. „Von welcher der vielen Welten sprichst du?“

Andra schluckte. Nun gut, wenn es ihre Heimatwelt und die Welt von Elyf gab, dann war die Vorstellung von noch vielen weiteren Welten nicht ganz und gar abwegig, das musste sie zugeben. Sie fachte die kleine Flamme in sich wieder an, damit ihre Stimme zuversichtlich klang. „Nun, natürlich von der, auf der wir jetzt sind.“

Ah.“ Die Wächterin nickte. Sie stand auf, streckte und dehnte sich, dann ließ sie sich mit einem kleinen Seufzer wieder auf allen Vieren nieder. „Da liegt dein Fehler. Du nimmst an, wir wären noch auf der Welt, auf der du dich zuletzt aufgehalten hast. Aber hier sind wir zwischen allen Welten.“ Die Wächterin zuckte mit den Schultern. „Du siehst also, diese Welt, von der du da sprichst, ist uns gänzlich gleichgültig.“ Sie klackte mit ihren Krallen einen langsamen Rhythmus auf dem Marmorboden. „Da du nun schon einmal hier bist und ganz offenbar ein ernstes Anliegen hast, willst du es nicht mit dem Rätsel versuchen?“

Als hätte sie noch eine Wahl! In all der Zeit ihrer Verbannung hatte sie sich noch nie so sehr nach ihrer eigenen Welt gesehnt. Sie verfluchte sich für ihre Neugier, ihren Leichtsinn, sie verfluchte alle glitzernden Verlockungen, die sie dazu verführt hatten, ihr Feuer mit den Regentropfen zu mischen. Hätte sie der Versuchung doch niemals nachgegeben! Dann könnte sie jetzt zuhause sein, ein Lavabad mit Freundinnen nehmen, Feuerweitspucken veranstalten, die vielfältigen Rauchgerüche der anderen Drachen genießen, alle mit ihrer ganz eigenen Mischung, sie könnte sich abends mit ihnen unter dem weitesten aller Sternenhimmel zusammenrollen und den Geschichten der Alten lauschen, sich von den rauen, tiefen Stimmen in den Schlaf tragen lassen, in Träume voller Sternenlicht. Sie zitterte vor Sehnsucht. „Zuhause“, wisperte sie, und das Wort hallte durch die große Kuppelhalle.

Ist das deine Antwort?“

Die Stimme der Wächterin fuhr kühl mitten in ihre aufgewühlten Erinnerungen. Sie musste sich beruhigen! Wenn sie je wieder nach Hause gelangen wollte, musste sie sich zusammenreißen, nachdenken, die richtige Antwort finden. „Wie war nochmal die Frage?“, gab sie zurück, um Zeit zu gewinnen, damit sie ihre kreiselnden Gedanken einfangen konnte.

Die Wächterin seufzte, als wäre sie irgendwie enttäuscht von ihr. Ein Seufzen, an das Andra sich nur zu gut erinnerte. Genauso hatten die Alten geklungen, bevor sie das Urteil ihrer Verbannung aussprachen. In der Stimme der Wächterin lag allerdings keinerlei Mitgefühl. „Wiederholungen“, murrte sie. „Unerträglich.“ Sie verzog die Lippen, als hätte sie einen besonders bitteren Geschmack im Mund. „Hör mir gut zu, denn noch einmal werde ich das Rätsel nicht wiederholen. Hier ist es: Ich bin, was du mitnimmst, nicht, was du zurücklässt. Was bin ich?“

Andra ließ eine Flamme über den Marmor vor ihren Tatzen wandern. Hell genug, dass die im Stein verborgenen Kristalle aufschimmerten, kühl genug, ihn nicht zu schmelzen. Rauch stieg aus ihren Nüstern und sie so den scharf-warm-aschig-wohligen Geruch tief in sich ein. Ein Hauch von Wildbeeren und der intensive Geschmack von Bittermoos breiteten sich auf ihrer Zunge aus. Wohin sie auch ging, ihr Feuer, diese Gerüche, diese Geschmäcker, all diese Erinnerungen trug sie immer bei sich. Sie boten Wärme und Vertrautheit wie – ja, wie zuhause. Andra schloss die Augen, um das Gefühl noch etwas länger zu genießen, in sich zu verankern. Das war ihre Antwort. Da war sie ganz sicher. Nur ob es die richtige Antwort war, da war sie ganz und gar nicht sicher. Und wenn sie falsch lag, wollte sie wenigstens voll in diesem Gefühl von zuhause aufgehen, damit bis zum Ende gehen.

Zuhause“, wiederholte sie laut und mit fester Stimme. „Das ist meine Antwort.“

Die Wächterin erhob sich. Sie neigte den Kopf nach links. Sie neigte den Kopf nach rechts. Sie ließ die Schultern kreisen. „Es ist halt immer ein riskantes Spiel“, sagte sie und blickte Andra aus ihren unergründlichen Augen an. „Ich gewinne natürlich immer. Eine richtige Antwort bedeutet, dass ich der Geschichte weiter folgen darf. Eine falsche Antwort bedeutet einen Leckerbissen für mich.“

Andra spannte alle Muskeln an. Sie würde kein leichter Leckerbissen werden, nahm sie sich vor.

Die Wächterin trat ein paar Schritte zur Seite, gab den Blick auf die Tür frei. „Dieses Mal ist es die richtige Antwort. Glückwunsch, du darfst eintreten.“

Die Tür schwang weit auf.

Andra sprang in die Höhe und flog hindurch. Der Wächterin gönnte sie keinen Blick mehr.

… Fortsetzung folgt im August! Im Juli haben wir uns ein Zitat von N. K. Jemisin als Thema genommen: Home ist what you take with you, not what you leave behind. (Broken Earth Trilogy)
Was die Kolleg*innen draus gemacht haben, könnt ihr hier nachlesen:
Carola Wolff Heimaterde
C. A. Raaven: Subway to Sally

Phantastischer Montag: Wagnisse und rätselhafte Wesen

Es war die dritte einsame Nacht. Andra hatte sich einen Ort gesucht, an dem sie nie zuvor mit Elyf gewesen war. Der Wind brachte die Metallstreben zum Singen, abgerissene Planen schlugen dazu einen wilden Rhythmus. Irgendwann einmal mussten die Planen die Kuppel über ihr geschlossen haben. Das seltsame Gebilde stand auf einem Hügel – Berg, nannten sie den hier. Andra schnaubte. Die hatten doch keine Ahnung von Bergen!

Aber lauschen ließ es sich von hier oben perfekt. Und Andra lauschte. Sicher, es war eine aus Verzweiflung geborene Idee, aber wenigstens war es eine Idee. Ganz offenbar gab es Töne in dieser Welt, die nur Drachen hören konnten. Wie den Gesang der Bäume. Vielleicht hatte auch die Magie einen Klang. Vielleicht musste sie nur lange genug lauschen.

Und so lag sie da und lauschte. Lauschte sich durch die Klangschichten der Stadt. Die nie verstummenden Motoren. Das Rattern und Quietschen der Bahnen, wenn sie sich in Kurven legten, beschleunigten, abbremsten. Sie lauschte dem Stimmgewebe der Menschen, die nie alle zugleich schliefen. Immer waren welche wach, redeten, atmeten, lachten, riefen, sangen, weinten, wüteten, flüsterten, fluchten, stöhnten, wimmerten. Und ab und an verstummte ein Atem im Gewebe für immer.

Andra reckte sich. Für einen Drachen war sie immer noch klein, in Drachengestalt nicht länger als in Menschenform. Trotzdem zog sie sich aus dem Lauschen zurück, vergewisserte sich, dass sie allein hier oben war, kein Mensch sich in ihre Nähe verirrte oder auch nur nah genug kam, um sie zu erspähen. Ihren Drachenaugen machte die Dunkelheit nichts aus. Und sie war nach wie vor allein in dieser verfallenen Kuppel. Auf diesem – Hügel. Sie seufzte und hatte keine Eile, in ihr Lauschen zurückzukehren.

Jedes Geräusch erinnerte sie an Elyf. Und sobald sie an Elyf dachte, wurde sie unruhig. Die Erinnerung an Elyfs Lachen – hell und ein ganz klein wenig rau – ließ sie die Flügel anheben, sie ausstrecken, als könnte sie den Ton einfangen, ihm quer durch die Stadt folgen, durch das offene Fenster hinein zu Elyf schlüpfen, sich neben sie legen, als wäre sie nie von dort geflüchtet. Als könnte sie einfach so zurück. Ohne jede Erklärung.

Unmöglich, mahnte Andra sich. Sie war hier, weil sie eine Aufgabe hatte, nicht wegen irgendwelcher Verliebtheiten. Einfacher gedacht, als sich selbst davon überzeugt. Andra schnaubte und erlaubte sich eine kleine Flamme. Doch nicht einmal die stillte die Unruhe in ihr. Sie schloss die Augen. Und so wenig es ihr gefiel, immer wieder tauchte ein Bild in ihrem Kopf auf: S.P.H.I.N.X

Sozietät für phantastische Halbwesen in Notlagen. X marks the spot

Das hatte auf dem Brückenpfeiler gestanden. Nun, in einer Notlage war sie ganz gewiss. Auch wenn sie sich nicht damit anfreunden konnte, in dieser Welt ein Phantasiewesen zu sein – was kümmerte es sie, ob halb oder ganz. Diese Definitionsbesessenheit war nur ein weiterer Punkt auf der Liste, warum sie diese Welt nicht besonders mochte.

Sofort drängte sich Elyf in ihre Gedanken. Sie war definitiv ein Pluspunkt für diese Welt. Andra schnaubte. Nicht ablenken lassen. Sie kniff die Augen noch fester zusammen. X marks the spot. Eindeutig der Hinweis darauf, wo sie diese Sozietät finden konnte. Aber erwarteten die ernsthaft, dass phantastische Halbwesen in Notlagen sich erst auf eine Suche kreuz und quer durch die Stadt machten, nach einem X?

Vielleicht dachte sie auch zu kompliziert. Wer so eine Nachricht hinterließ, wollte schließlich, dass sie von Wesen in Notlagen verstanden wurde. Ein Tropfen traf ihre Schnauze. Noch einer. Ein Grollen in der Ferne. Ein grelles Zucken, das sie selbst durch ihre geschlossenen Lider wahrnahm. Ein erneutes Krachen. Näher dieses Mal. Regen schlug auf ihre Schuppen. Andra machte mit ihrem Grollen dem Donner Konkurrenz. Sie hasste Regen. Er war ein Verführer und schuld an ihrer Verbannung. (Die hast du dir selbst zuzuschreiben, merkte eine kleine Stimme an, die sie schnell zum Verstummen brachte.)

Andra blinzelte. Die Gewitterwolken hatten die Sterne ausgelöscht. Blitze zerrissen die Dunkelheit, ließen sie nach ihrem Aufflammen noch tiefer zurück. Der Regen fiel, als wollte er nie wieder aufhören. Er prasselte gegen die Metallstreben, schlug neben ihr auf den Steinboden, prallte an ihren Schuppen ab – und weit und breit keine Höhle in Sicht, die ihr Schutz vor diesem elenden Wasserangriff bieten konnte. Andra sehnte sich nach Feuer, nach wenigstens einer kleinen Flamme. Aber sie wagte es nicht. Regen mit ihrem Feuer mischen, das hatte sie überhaupt erst in ihre Notlage gebracht. Sie schüttelte sich. Der Regen drang zwar nicht durch ihre Schuppen, aber die Rinnsale, die sich zwischen ihnen bildeten, kitzelten. Elend, elend, elend, grollte Andra vor sich hin. Sie grub die Krallen in den Stein unter ihr, kratzte Spuren in den Boden.

Markierte ihn. Andra stockte. Konnte es so einfach sein? Sie fuhr hoch. Der Regen war vergessen, Donner und Blitze nur noch Hintergrundrauschen. Sie entfernte sich ein paar Schritte von den Spuren, die sie bereits in den Stein gekratzt hatte, suchte sich eine unberührte Fläche. Mit den Krallen einer Tatze zog sie erst eine, dann eine zweite lange Linie, die die erste kreuzte, in den harten Boden. Ein perfektes X. Ihr Herz pochte lauter als jedes Donnergrollen. Ihr Feuer brannte in ihr, heller als jeder Blitz. Ihr Atem strich über die Kratzspuren, stieg wie feiner Rauch darüber auf. Der Stein selbst wisperte ihr zu, lockte sie. Andra trat zögerlich einen Schritt vor. Noch einen. Schritt um Schritt näherte sie sich der Stelle, an der die Linien sich kreuzten. Ein Schritt noch.

Sie berührte den Kreuzungspunkt und hatte gerade den kürzesten aller Momente Zeit, sich lächerlich vorzukommen, wie sie darauf stand und vor sich hinstarrte. Dann kippte die Welt. Oder sie. Das Donnern, die Blitze, der Regen – alles blieb hinter ihr zurück. Andra wirbelte herum und herum. Ihr schwindelte. Sie wusste nicht, ob sie die Augen geschlossen hatte oder sie offenhielt, wusste nicht, ob es so grell-hell oder so dunkel war, dass sie nichts sah. Fiel sie? Zerfiel die Welt um sie herum? Ihr Herz raste, als sie wieder festen Boden unter ihren Krallen spürte. Sie grub sie hinein. Langsam ließ der Schwindel nach.

Wärme umgab sie. Das Gewitter mit seiner Nässe war fort. Andra atmete ein, atmete aus. Ihre Augen waren eindeutig geschlossen. Sie öffnete sie.

Ich hoffe, du kannst diese Kratzer auch wieder aus meinem Marmorboden entfernen“, begrüßte sie eine indignierte Stimme. Sie gehörte zu einem Wesen, auf den der Begriff Halbwesen nun wirklich zutraf, befand Andra. Ein menschlicher Kopf, der auf einem Löwenkörper thronte. Ein Funkeln aus grünen Augen, als könnten die Feuer speien.

Andra duckte sich. Die Kratzer im Marmor waren wirklich tief. Aber ihr war eben auch sehr schwindelig gewesen! Da etwas Feuer sie beruhigen würde, fachte Andra ihre innere Flamme an und ließ sie über den harten Stein streichen, sah zu, wie er schmolz, wie die Ränder der Risse aufeinander zuflossen, neue dunkle Linien im hellen Stein bildeten, wo ihr kühler Atem die erhitzen Stellen wieder erkalten ließ. „Bitte sehr“, grummelte sie und blickte zu der Gestalt, die auf dem obersten Absatz einer Marmortreppe saß und mit einem unergründlichen Lächeln zu ihr hinunterblickte. Andra richtete sich auf und breitete die Flügel aus. „Bin ich hier bei S.P.H.I.N.X?“

Das Lächeln der Gestalt vertiefte sich. „Gehe ich richtig in der Annahme, dass du dich in einer Notlage befindest?“

Wäre ich sonst hier?, wollte Andra zurückgeben und schluckte gegen die Worte an. Es war sicherlich nicht hilfreich, dieses rätselhafte Wesen gegen sich aufzubringen. „Ja.“ Sie faltete die Flügel wieder an ihre Seiten, ärgerte sich zugleich, dass sie sich unter diesem spöttischen Blick so klein wie möglich machen wollte.

Die Gestalt nickte und schlug gemächlich mit ihrem Schwanz. Hin und her, hin und her – Andra senkte ihren Blick schnell auf den Marmorboden, bevor sie in eine Trance fallen konnte.

Du hast uns gefunden“, klang die Stimme zu ihr hinab. „Aber bevor ich dir Einlass gestatte, musst du eins meiner Rätsel lösen. Nur dann gewährt dir die Sozietät ihre Hilfe. Was sie dafür verlangen, kann ich dir nicht verraten.“

War ja klar. Andra seufzte so leise, wie sie nur konnte. Natürlich war nur der erste Schritt leicht gewesen. Und sie wurde das Gefühl nicht los, dass dieses Wesen ganz genau wusste, welchen Preis die Sozietät von ihr verlangen würde. Sehr vermutlich einen, der ihr nicht gefiel. Andra schob ihre zweifelnden Gedanken fort. Da war etwas, das im Moment wichtiger schien. „Was passiert, wenn ich dein Rätsel nicht lösen kann?“

Ah, eine sehr intelligente Frage!“ Die Stimme von oben klang sehr zufrieden. Andra blinzelte vorsichtig hoch. Sie mochte dieses unergründliche Lächeln gar nicht. Die Antwort noch weniger. „Du stirbst.“ Nein, das war so gar keine gute Antwort. Andra spürte nervöse, kleine Flammen um ihre Mundwinkel zucken.

Und wenn ich einfach wieder gehe?“ Sie leckte die Flammen fort, ließ sich von dem Rauchgeschmack auf ihrer Zunge ein wenig beruhigen. Der Tod schien ihr ein sehr hohes Risiko dafür, dass sie nicht einmal wusste, ob diese Sozietät ihr wirklich helfen konnte.

Das Wesen oben auf der Treppe kreuzte die samtigen Vorderpfoten. Bestimmt verbargen sich darunter Krallen! Andra spannte alle Muskeln an, wollte sich in die Luft schwingen und hielt beim Anblick der kuppelartigen Steindecke weit über ihr still.

Jetzt, wo du endlich hergefunden hast, solltest du bleiben.“ Auch die Stimme klang täuschend weich. Aber so sehr sie an ihr zweifelte, konnte Andra sich ihrem Zauber nicht entziehen, spürte, wie ihre Muskeln sich unter dem Klang entspannten. „Sicherlich sind Rätsel für Drachen kein Problem.“

Schmeichlerin, dachte Andra und streckte sich auf dem Marmorboden aus. Irgendetwas hatte sie eben noch misstrauisch gemacht. Aber was? Das Wesen dort oben schlug mit dem Schwanz gelassen hin und her, hin und her, hin und her, dehnte die Pfoten, Krallen blitzten auf, verschwanden, blitzten auf, verschwanden, und ein schnurrendes Geräusch hüllte Andra ein. Sie bettete den Kopf auf ihre Vorderpfoten, spürte, wie ihre Lider sich träge senkten. „Darf ich dir eine Frage stellen?“, murmelte sie mit schwerer Stimme.

Erst musst du mein Rätsel lösen“, klang die Antwort wie auf Wattewolken schwebend zu ihr vor.

Richtig, ein Rätsel. Da war etwas, das sie zurückhalten sollte. Doch was das war, fiel ihr nicht mehr ein. Ein Rätsel konnte sie nicht schrecken. Schließlich war sie ein Drache. Andra ließ eine Flamme um ihre Lippen zucken. „Lass hören.“

 

… Fortsetzung folgt im Juli! Im Juni haben wir uns als Thema für die Geschichten zum phantastischen Montag ein Zitat von Cornelia Funke vorgenommen: Wir sind alle Lügner, wenn es uns nützt. (Tintenherz)
Was die Kolleg*innen daraus gemacht haben, könnt ihr hier nachlesen:
Carola Wolff Ihr Freund Fred
C.A. Raaven Scrabble für Fortgeschrittene
Das „rätselhafte Wesen“ ist bei mir zum ersten Mal im Januar aufgetaucht: Des Rätsels Lösung

Phantastischer Montag: Die Geister, die ich rief

Halloween in Ostberlin, dröhnten mir bereits unten im Hausflur entgegen, und ich freute mich über den guten Musikgeschmack in meiner Nachbarschaft. Zwar dauerte es noch einige Tage bis zu dem besungenen Datum, aber Silly ließ sich immer hören. Ich nickte mit dem Kopf im Takt, während ich die Treppen hinaufstieg. Klar, es war laut. Aber manche Musik brauchte eben Lautstärke.

Die hier nahm mit jedem Treppenabsatz zu. Und mit jedem weiteren, den ich erklomm, wuchs in mir eine bestimmte Befürchtung. Als ich die letzten Stufen erreichte, fand sie Bestätigung. Mein Nachbar hämmerte mit den Fäusten auf meine Wohnungstür ein und schrie ununterbrochen: „Aufmachen! Lärmbelästigung! Aufmachen! Sofort!“ Er war schon ziemlich heiser. Da er mir den Rücken zuwandte, hatte er mich noch nicht bemerkt.

Tamara Danz sang lauthals von schwoofenden Gespenstern. Ich presste hinter meiner Maske die Lippen aufeinander, um nicht mitzusingen, und räusperte mich. Mein Nachbar hörte mich erst beim fünften Mal. Er fuhr herum, riss sich die eigene Maske vors Gesicht.
„Sie!“ Er starrte mich an, die Fäuste noch erhoben, als wäre ich die Tür, auf die er gleich wieder einschlagen wollte. Ich trat vorsichtig einen Schritt zurück. Er ließ die Fäuste sinken und überwand seine kurzzeitige Sprachlosigkeit. „Sie, das geht aber nicht, dieser Lärm! Seit drei Stunden. Derselbe Song. Das ist – das ist …“ Er schüttelte den Kopf. „Das ist eine Zumutung.“

Ich bemühte mich, Mitgefühl und Verständnis in meinen Blick zu legen. „Entschuldigen Sie. Mein Besuch ist etwas …“ Wie bezeichnete man einen kleinen Drachen, der alles um sich herum vergaß, wenn ihn etwas begeisterte? „Rücksichtslos“, schloss ich lahm.
„Allerdings“, ereiferte sich mein Nachbar. Und obwohl ich von seinem Gesicht nur Augen und Stirn sah, merkte ich ihm an, dass er jetzt am liebsten gewusst hätte, warum ich in diesen Zeiten überhaupt Besuch bekam, wer das war, wie lange diese rücksichtslose Person bleiben würde, womit man noch zu rechnen hätte, aber – er hielt sich zurück. „Unternehmen Sie was! Sofort!“, blaffte er mich stattdessen an und verschwand in seiner eigenen Wohnung, knallte die Tür hinter sich zu. Ich schloss meine auf. In Erwartung von Chaos und einem aufgedreht herumflatternden Drachen schob ich die Tür nur gerade so weit auf, dass ich mich hineinschmuggeln konnte, ohne dem Nachbarn an seinem Türspion einen Blick nach drinnen zu gewähren.

Doch bis auf die laute Musik herrschte Ruhe. Kein Drache kam im Sturzflug auf mich zu. Nichts brannte. Nicht mal ein Fitzelchen Papier lag auf dem Boden oder irgendwo sonst, wo es nicht hingehörte. Kein Luftzug, kein offenes Fenster, kein Scheppern in der Küche. Halloween, setzte der Refrain wieder ein, und ich war mit wenigen Schritten vor meiner Stereoanlage (ja, ich bin so altmodisch) und drückte auf Stopp.

In der Stille hallte mir immer noch der Refrain durch den Kopf, auch wenn ihn jetzt niemand mehr sang. So still war es hier nicht mehr gewesen seit … seit Mai. Seit ich Ti’run in der Sockenschublade (pardon, seiner Höhle) entdeckt hatte. Ich spähte zur Kommode hinüber. Die Schublade war geschlossen. Kein Laut drang hinaus.
Die Stille drängte sich von allen Seiten an mich. So still, dass ich schon die Hand nach dem Play-Knopf ausstreckte, nur damit die Musik die wispernden Stimmen in meinem Kopf übertönen würde.

Niemand hier außer dir.
Ein Drache – du hast wirklich geglaubt, da wäre ein Drache in deiner Kommode.
Du bist verrückt geworden. Durchgedreht.
Zu viel Einsamkeit kann Wahnvorstellungen auslösen.
Bestimmt hast du einfach vergessen, die Musik auszuschalten, als du vorhin gegangen bist. Wäre ja typisch. So verloren in Gedanken.
Verrückt und verloren, verrückt und verloren. Niemand hier außer dir. Verloren.

Sie kicherten und wisperten und höhnten. Ich drehte mich langsam um mich selbst, spähte in jede Zimmerecke, wünschte mir, ich könnte die Stimmen so leicht abschalten wie die Musik. Sie blieben.

Niemand hier außer dir, raunten sie mir zu, umwehten mich wie Gespenster. Ich konnte ihnen nicht einmal ausweichen, denn meine Füße fühlten sich tonnenschwer an, ließen sich keinen Millimeter heben. Ich ließ mich zu Boden sinken. Schloss die Augen. Doch den Gespensterstimmen entkam ich nicht. Sie streiften meine Haare, meine Wangen. Kühl und … feucht?

Ich blinzelte. Eine bunt schillernde, leicht zitternde Kugel, ein hauchdünnes, durchsichtiges Gebilde schwebte neben mir vorbei, sank langsam immer tiefer und zerplatzte wenige Zentimeter über dem Boden. Eine nächste folgte. Und noch eine. „Seifenblasen?“ Meine Stimme zitterte genauso wie die glänzende Kugel, die vor meiner Nase zerbarst. Ich wischte mit die kühlen Tropfen von der Nasenspitze.
„Du hast ihre Flugbahn gestört!“, empörte sich eine Stimme von hoch oben und hinter mir. Keine Gespensterstimme sondern eine, die ich in den letzten Monaten nur zu gut kennengelernt hatte. Ich sprang auf und fuhr herum.
„Ti’run!“

„Wer sonst?“ Er hockte auf dem Lautsprecher, der ganz oben auf dem Regal thronte, umkrallte mit einer Pfote das Fläschchen mit der Seifenblasenflüssigkeit und mit einer anderen das Teil, das wie ein zu klein geratener Tennisschläger ohne Bespannung aussieht und in die Seifenblasenflüssigkeit getaucht wird. Verträumt blickte er der nächsten Seifenblase hinterher, der ich nun nicht mehr in der Flugbahn hockte.

„Warst du die ganze Zeit über da?“, fragte ich vorsichtig und konnte die Furcht nicht abschütteln, der kleine blau-grüne Drache würde genau wie die Seifenblasen zerplatzen und verschwinden, wenn ich nur ein falsches Wort sagte (ohne dass ich wusste, was das falsche Wort sein könnte).

„Im Gegensatz zu dir.“ Ti’run blickte auf mich hinab und legte den Kopf zur Seite. „Du hättest wenigstens die Musik ausmachen können, bevor du gegangen bist. Oder mir verraten, wie man diese Technik bedient. Ich meine, es ist ein toller Song – aber auch der verliert nach zu vielen Wiederholungen an Tollheit.“

Ich widersprach nicht, obwohl ich entschieden anderer Meinung war.

Phantastischer Montag: Sockenfrieden 2020

Ich hatte beschlossen, mich auf die Lauer zu legen. Da konnten noch so viele behaupten, die Waschmaschine würde die Socken fressen – es stimmte einfach nicht. Meine Socken verschwanden an anderer Stelle, und ich würde jetzt endlich herausbekommen, wo und wie. Einen Verdacht hatte ich bereits: die Sockenschublade. Und die hatte ich vom Bett aus am besten im Blick.
Am ersten Tag blieb ich also schlicht im Bett liegen, nahm mir zur Tarnung ein Buch und wartete. Nun ist das mit dem Warten so eine Sache. Ohne das Warten hätte ich ohne Probleme den Tag im Bett verbringen können. Ich meine, was gibt es Besseres als einen faulen Tag im Bett mit einem guten Buch? Aber ich wollte ja beobachten und nicht lesen. Ich wollte, dass etwas passierte. Und es passierte – nichts.
Halb saß, halb lag ich im Bett, hielt mich an meinem Buch fest und starrte über den oberen Buchrand hinweg auf die Sockenschublade. Das gab mir viel Zeit, über die eigene Verrücktheit nachzudenken. Wer glaubt schon ernsthaft, Socken könnten aus einer geschlossenen Sockenschublade verschwinden? War meine Phantasie jetzt endgültig mit mir durchgegangen? Phantastische Geschichten schreiben war das eine, wirklich daran zu glauben, überschritt eine Grenze. Aber lassen sie sich wirklich schreiben, ohne nicht wenigstens ein bisschen daran zu glauben? Die Schublade jedenfalls blieb geschlossen und nichts rumorte darin.
Andere hätten an dieser Stelle vermutlich aufgegeben, hätten den einen Tag als vorübergehende Verrücktheit abgeschrieben, eine kleine Schrulle, hätten vermieden, jemals wieder daran zu denken und hätten ihr Leben weitergelebt, verschwindende Socken hingenommen. Aber das gelang mir nicht. So lag ich am nächsten Tag wieder auf der Lauer. Denn mir war eines klar geworden: Ich hatte mich am ersten Tag viel zu auffällig benommen. Ich musste mich geschickter anstellen. Wer immer meine Socken aus der Schublade entwendete, würde das nicht tun, während ich diese den ganzen Tag lang anstarrte.
Dieses Mal war ich besser vorbereitet. Ich stand ganz normal auf, machte alles, was ich morgens normaler Weise tue – Kaffee kochen, Müsli vorbereiten, Radio laufen lassen, Nachrichten und Songauswahl mit gemurmelten Kommentaren versehen, das Fenster aufreißen, um die nachts veratmete Luft gegen frische einzutauschen. Dann ging ich an den Schreibtisch und schaltete den Computer ein. Ein paar Minuten saß ich da und klapperte auf der Tastatur herum. Nahm das Tastenklappern auf. Von der Sockenschublade aus konnte man den Schreibtisch zwar nicht sehen (und umgekehrt), aber man konnte hören, ob da jemand arbeitete oder nicht. Das aufgenommene Tastenklappern ließ ich in Dauerschleife laufen und schlich mich zurück ins Bett. Ich verkroch mich komplett unter der Decke, schuf mir einen kleinen Sichttunnel und wartete.
Natürlich hätte der Sockendieb meine Morgenroutine ausnutzen können. Aber vielleicht hatte ich ja Glück und der Sockendieb schlief länger als ich. Die Vögel auf dem Hinterhof übertönten das Tastenklappern. Ich hatte vergessen, das Fenster zu schließen. Doch ich konnte nicht wieder aufstehen, zwischen den beiden Bücherregalen hindurch gehen, die den Schlaf- vom Arbeitsbereich trennten, und das Fenster zumachen. Das hätte mich verraten. Wenn ich Vögel an ihren Stimmen erkennen könnte, hätte ich mich damit unterhalten zu identifizieren, wer da auf dem Hinterhof pfiff. Das kam auf die Liste der Dinge, die ich – irgendwann einmal – lernen könnte. Da ich nichts mit unter die Bettdecke genommen hatte, blieben mir zur Unterhaltung nur meine eigenen Gedanken.
Wozu stahl man Socken? Einzelne noch dazu. Nestbau? Aber ich hätte es bemerkt, wenn ein Vogel in die Wohnung kam, die Sockenschublade öffnete – welcher Vogel konnte das schon? – und sich mit einem Socken wieder davon machte. Dazu müsste der Vogel nicht nur die Schublade öffnen, er müsste auch die Sockenpaare voneinander trennen können. Außerdem wäre er schon mit dem Flattern der Flügel aufgeflogen. Buchstäblich.
Ein Sockenfetisch? Von einem Fetisch für Sportsocken hatte ich gehört, aber solche besaß ich nicht. Meine Socken waren größtenteils schwarz. Ein paar bunte hatten sich im Laufe der Jahre dazu gesellt, oft Geschenke von denen, die meinten, ich müsste ein wenig mehr Farbe in mein Leben bringen. Dabei ist das Leben in meinem Kopf bunt genug. Aber ab und an trage ich inzwischen auch mal die gemusterten oder die leuchtend grellen Socken. Das fing aus purer Höflichkeit an. Es folgte Gewöhnung und schließlich waren sie mir ans Herz gewachsen, weswegen es mich jetzt ärgerte, wenn einzelne von ihnen verschwanden. Und es verschwanden mehr bunte als schwarze. Da wollte wer Farbe ins eigene Leben bringen. Außer diesem Erkenntnisgewinn brachte der Tag mir nichts ein.
So ging das einige Tage. Zum Glück lebte ich allein, nicht einmal eine Katze war da, die mein Verhalten hätte verstören können. Und so musste ich mir auch keine Gedanken darüber machen, ob ich nun durchdrehte, wo ich so Tag um Tag, Woche um Woche unter meine Bettdecke kroch, um meine Sockenschublade zu beobachten.
In der rührte sich nichts.
Spätestens ab Woche drei hätten Außenstehende vermutlich begonnen, an meinem Verstand zu zweifeln. Ich hingegen fand den Zustand immer gemütlicher. Gut, das mit dem Schlafen wurde schwieriger mangels Tagaktivität. Aber von so etwas ließ ich mir doch keine Vorschriften machen! Vermutlich sah ich inzwischen auch recht blass aus, doch da ich jeden Blick in Spiegel vermied, musste ich mir auch darum keine Gedanken machen.
Manchmal bildete ich mir ein, Geräusche aus der Sockenschublade zu hören. Aber sie stellten sich dann immer wieder als die aufgenommenen Alltagsgeräusche heraus, die in Dauerschleife liefen. Inzwischen hatte ich den Player auf zufällige Auswahl eingestellt, damit mehr Abwechslung hineinkam.
Ich hatte längst aufgehört, die Tage zu zählen. Dann zählte ich auch die Wochen nicht mehr. Und dann hörte ich es – in einem dieser raren Momente, in dem ein Sonnestrahl auf die Sockenschublade fiel. Ein schabendes Geräusch. Kein Irrtum. Die Sockenschublade bewegte sich. Ich blinzelte. Ich presste die Hände auf die Matratze, wollte ganz sichergehen, dass ich hier lag und nicht vor der Kommode stand. Ich lag. Und die Schublade bewegte sich weiter.
Sie klemmte ein wenig, man musste zwei Mal an ihr ruckeln, wenn sie ein Viertel geöffnet war. Da war das erste Ruckeln. Da das zweite.
Noch immer lag ich im Bett. Der Platz vor der Kommode war leer. Ein Geist? Hatte ich die ganze Zeit mit einem Geist gelebt, ohne es zu merken?
Die Schublade stand nun halb offen.
Ein leiser, wohliger Seufzer ertönte. Er kam aus der Schublade. Und ich erkannte den Fehler in meinem Versuchsaufbau: Ich konnte von meiner Position aus nicht in die Schublade hineinschauen. Wieder ertönte dieser wohlige Seufzer und gleich darauf stieg ein graues Wölkchen auf.
Es kostete mich einiges an Zurückhaltung nicht aufzuspringen. Mit dem Wölkchen wehte der Geruch verbrannter Wolle herüber. Feuer?!? Nun sprang ich doch auf. Mein erschreckter Schrei mischte sich in ein Grollen, wie das eines Mini-Donners. Auch das kam aus der Schublade, zusammen mit einigen hochfliegenden Socken und Funken. Socken und Funken wirbelten umher. Die Funken verglühten, die Socken fielen zurück – verteilten sich auf dem Boden und der Kommode. Nur wenige fielen in die Schublade zurück. Ich starrte. Nicht wegen der Socken. Sondern weil inmitten der Socken ein kleiner blau-grüner Drache hockte. Der Rauch stieg aus seinen Nüstern auf und aus meinen qualmenden Wollsocken.
„Feu-Feuer“, stammelte ich und starrte auf die glimmenden, von Papa gestrickten Socken.
„Feuer“, stimmte der Drache mir zu. Er grinste zufrieden.
Ich stürzte in die Küche und rannte mit einem Krug voll Wasser zurück, goss ihn über der Schublade aus. Der Rauch verdichtete sich zu Qualm, der Drache schnaubte empört.
„Du hast das Feuer getötet!“
Ich fand keine Worte. Ein Drache. In meiner Sockenschublade. Entweder hatten die Wochen unter der Bettdecke mich nun doch durchdrehen lassen oder – dort hockte wirklich ein blau-grüner Mini-Drache und blickte mich vorwurfsvoll an.
„Feuertöterin.“
„Wie bitte?“
„Feuertöterin!“, schrie er.
„Das sind meine Socken!“, schrie ich zurück und deutete auf das durchweichte Durcheinander.
„Ansichtssache.“ Der Drache watete durch den Sockenschlamm und schwang sich auf die trockene Vorderkante der Schublade. Dort breitete er die nacht-blauen Flügel aus und schüttelte sich ausgiebig. Ich wich dem Wassertropfenansturm nicht einmal aus. Ich konnte mich nicht rühren. Ich konnte nur starren.
„Wie kommst du in meine Sockenschublade?“
Der Drache legte die Flügel wieder an. „Deine was? Das ist meine Höhle.“ Er streckte sich, richtete sich zu voller Höhe auf – nicht größer als meine Handfläche einschließlich des kleinen Fingers und weit weniger bedrohlich, als er vermutlich meinte. Wenn man von dem rötlichen Glühen in seinen Nüstern absah. „Meine Höhle. Die du verschleppt hast. Und vollgestopft. Mit diesem Zeugs.“ Er deutete mit einer winzigen Klaue auf die durchnässten Socken. „Und jetzt – jetzt hast du sie auch noch unter Wasser gesetzt!“ Er ließ den Kopf hängen und murmelte vor sich hin: „Feuertöterin, Höhlenfluterin.“
Er wirkte so kläglich, dass ich mich fast entschuldigt hätte. Fast. Ich verschränkte die Arme. „Wo kommst du her? Was machst du hier? Und wieso verbrennst du meine Socken?“
„Du bist ganz schön feindselig für eine Neuzugezogene.“ Der Drache wandte sich nach hinten und ließ eine Flamme über die Schublade gleiten. Ich stürzte vor, doch bekam ihn nicht zu fassen. Wasserdampf stieg auf, während der Drache durch das Zimmer kreiste, immer gerade so hoch, dass ich nicht an ihn herankam, so sehr ich auf hüpfte und sprang und mich streckte. Immerhin setzte er meine Socken nicht mehr in Brand. Ich geriet bald ins Keuchen. Das wochenlange Liegen unter der Bettdecke rächte sich. Ich blieb stehen und stützte die Hände auf die Knie. Der Drache stellte sich auf den dunkelgrünen Lampenschirm, der von der Decke baumelte, hielt sich mit einer Klaue am Kabel fest und blickte zu mir hinunter. Er hatte zweifelsfrei gewonnen. Ich ließ mich rückwärts auf das Bett fallen. Der Drache brachte die Deckenlampe mit leichten Flügelschlägen ins Schaukeln und summte vor sich hin.
Ich lag auf dem Rücken und kam langsam wieder zu Atem, während der Drache auf der Lampe schaukelte. Ein Drache. In meinem Kopf kollidierten Welten, geglaubtes Wissen gegen Wirklichkeit. Er blickte zu mir hinunter.
„Deine Socken nehmen in meiner Höhle zu viel Platz ein.“ Er schwieg ein paar Flügelschläge lang. „Und sie brennen so hübsch.“
Ich seufzte. Mein durchgeschütteltes Hirn beschloss, die Situation hinzunehmen, wie sie war: Ich lag auf meinem Bett und unterhielt mich mit einem Miniatur-Drachen. „Wenn ich eine andere Höhle für dich finde, lässt du dann meine Socken in Ruhe?“
Er wickelte den Schwanz um das Lampenkabel und verschränkte die Vorderpfoten (Beine? Arme?). „Wie wäre es, wenn du einen anderen Ort für deine Socken findest, statt mich aus meiner Höhle zu vertreiben? Hm?“
„Und dann verbrennst du sie nicht mehr?“ Das schien mir ein akzeptabler Kompromiss. Der Drache neigte den Kopf von einer Seite zur anderen, im Takt der schaukelnden Lampe. Dass dem nicht schwindelig wurde! Er stieß mehrere kleine Flammen aus und blickte ihnen verträumt hinterher. Ich bekam Angst um meinen Lampenschirm – vergiss den Lampenschirm, Kabelbrand!, schrie mir die Panik zu. Mühselig hielt ich den Mund.
„Also gut, Neuzugang, Feuertöterin“, sagte der Drache schließlich.
Und so kam es zum Sockenfrieden von 2020.

Nachtrag: Manchmal verschwinden immer noch einzelne Socken. Ich habe mich damit abgefunden. Was sind schon ein paar vereinzelte Socken gegen einen Drachen als Mitbewohner!

Stadtmagie – Teil 1

Neues Jahr, neue Vorsätze: Dieses Jahr will ich es endlich mal schaffen, diesen Blog regelmäßig ein Mal in der Woche zu bespielen! (tief Luft holen) Und da das mit einem Thema leichter fallen sollte (hoffe ich wenigstens), hab ich mir für diese Beiträge den Titel „Stadtmagie“ einfallen lassen. Mir wird öfter mal gesagt, ich sei so ein Hans-Guck-In-Die-Luft, wenn ich durch die Straßen laufe – kann ich verstehen … Aber das liegt nur daran, dass ich so viele interessante Kleinigkeiten entdecke, mit denen dann die Fantasie mit mir durchgeht. Was liegt also näher, als diese Entdeckungen hier mit euch zu teilen? 😉

Schluss der Vorrede, los geht’s:

Wenn man hier das S streicht, erhält man …

Eindeutig, oder? Das ist eine Tarnung für’s WunderAmt. Kommt daher als ein kleiner Laden mit allerlei Krimskrams (inklusive Notizbücher, sehr gefährlich für mich), aber ich bin mir sicher: Wenn man reingeht und das Codewort kennt, wird man umgehend in die Hinterstube geführt, wo ein grummeliger Zwerg an einem Schreibtisch hockt und mit einem Füllfederhalter etwas offensichtlich Wichtiges auf einem Pergament notiert. Er blickt nicht auf, wenn man reinkommt, grummelt nur: „Ziehen Sie eine Nummer und warten Sie, bis Sie aufgerufen werden.“

Tatsächlich entdeckt man dann beim Umschauen einen kleinen goldenen Automaten an der Wand rechts. Mehrere silberne Hebel und Drehknöpfe sind daran, über denen steht: Kleine Wunder erledigen wir sofort, größere dauern etwas länger. Üben Sie sich in Geduld.

Von der unteren Hälfte des Automaten starrt einen ein Drachenkopf mit weit aufgerissenem Maul an. Er ist quietschgrün und streckt eine leuchtend rote Zunge heraus, die sich einem wie eine Miniaturrutsche entgegenreckt. Man denkt sofort an kleine Elfen, die sich bei Nacht damit amüsieren, sobald der grummelige Zwerg das Büro verlassen hat.

Neben jedem Hebel und jedem Knopf ist ein Wort in geschwungener dunkelblauer Schrift aufgemalt.

  • Kleine Wunder
  • Mittlere Wunder
  • Große Wunder
  • Viertelwunder
  • Halbwunder
  • Dreiviertelwunder
  • Ganzwunder

Während man sich noch wundert, in welche Kategorie das eigene gewünschte Wunder wohl fällt, grummelt der Zwerg: „Lesen Sie die Anleitung, bevor Sie wählen. Falsche Entscheidungen halten nur unnötig lange auf.“

Und so entdeckt man, dass der oberste Drehknopf ganz rechts eine andere Bezeichnung trägt als alle anderen: Anleitung zur Wunderwahl. Knopf drei Mal links herum drehen, dann ziehen.

Also dreht man, eins, zwei, drei Mal und zieht. Ein helles Klingeln ertönt, dann hört man ein Geräusch, das an Kindheitszeiten erinnert, an eine Murmelbahn, diese wunderbaren Konstruktionen aus Metall oder auch Holz, über die man bunte Kugeln schickte und voller Staunen ihre Bahn verfolgte. Hier kann man den Weg der Murmel zunächst nur belauschen, bis sie dann über die Zunge des Drachen in die eigene, schnell darunter gehaltene Hand rollt. Bei der Berührung mit der Handfläche springt die Kugel auf und entfaltet sich zu einem dicken, samtigen Pergament …

… Was darauf steht? Ich weiß es nicht. Denn leider, leider kenne ich auch das Codewort nicht, das mich ins Hinterzimmer zu dem grummeligen Zwerg führen würde …