Drachenrose

(Inzwischen im 11. Jahr schreiben einige Kolleg*innen und ich zu Weihnachten Kurzgeschichten, die wir dann zu einem Heft binden und zu Weihnachten im Freund*innen- und Familienkreis verschenken. Es gibt jedes Mal ein paar wenige Vorgaben: die Zeile eines Weihnachtsliedes als Thema, das sich irgendwie in der Geschichte wiederfinden soll, sowie die Maximalanzahl von 1000 Wörtern, damit es übersichtlich bleibt. Das Thema dieses Jahr hieß: Es ist ein Ros‘ entsprungen. Im nachfolgenden meine Geschichte dazu.)

„Ich habe gelogen.“

Der Priester auf der anderen Seite des Beichtstuhls neigt den Kopf, seine Gesichtszüge unkenntlich durch das fein gemusterte Holzgitter in der Zwischenwand. Das Schweigen ist die beste Ermutigung, wie immer. Das scheinen sie alle zu wissen, gleichgültig welchem Glauben sie angehören. Schweigen – auch wenn ich gelernt habe, es länger zu ertragen – hat mich letzten Endes immer zum Reden gebracht. Auch jetzt.

„Mein Wissen beruht nicht auf wissenschaftlichen Studien.“

Der Priester bleibt unbewegt. Noch habe ich nichts Erschütterndes gesagt. Dieses Mal lasse ich das Schweigen andauern. Noch kann ich mich entscheiden zwischen Wahrheit und Lüge, oder einer Mischung. Und ich dehne diesen Moment aus, auch wenn meine Entscheidung längst gefallen ist. Sonst säße ich nicht hier.

Aber ich würde zu gern sehen, was meine nächsten Worte auf dem Gesicht des Priesters auslösen. Diese Beichtvorrichtung macht das unmöglich. Doch ich brauche diese Momente des Trosts, teile sie mir sorgsam ein, warte, warte, warte, bis das Bedürfnis zu reden überwältigend ist. Nur dann hält die Erleichterung danach an, trägt mich über das nächste Jahrhundert.

„Ich erforsche das Rosenfenster hier nicht, ich habe es gespendet.“

Weiterhin Schweigen auf der anderen Seite. Ich weiß, dass ich nicht zu leise gesprochen habe. Aber dort drüben ist nicht einmal ein beschleunigter Atem zu hören. Oder ein schnell unterdrücktes Auflachen. Darauf bin ich eingestellt. Die meisten halten mich zunächst für verrückt. Menschen können sich vieles vorstellen, aber sie scheitern an Lebensspannen, die über ihre eigene begrenzte hinausreichen. Manche konnten mich akzeptieren, indem sie mich zum Wunder erklärten. Anscheinend beruhigt es sie, wenn sie mich ins Reich des Mystischen stecken können, des Unerklärlichen. Dabei bin ich genauso wirklich wie jeder Mensch. Vielleicht gehört der da drüben ja zu den Ausnahmen. Vielleicht glaubt er mir. Oder ihm ist gleichgültig, was ich sage. Was enttäuschend wäre.

Der Priester räuspert sich. Mehr nicht.

Das verdammte Räuspern weckt eine Sehnsucht, die ich sonst meide wie Vampire das Weihwasser. Um eins beneide ich Vampire: ihre Fähigkeit, Menschen zu hypnotisieren. Sicher, es ist ethisch verwerflich – aber was würde ich darum geben, diesen Priester dazu zwingen zu können, seine Gedanken auszusprechen! Davon abgesehen halte ich Vampire für bedauernswerte Geschöpfe. Nie das Sonnenlicht auf der Haut spüren (es sei denn, man ist zu Selbstmord aufgelegt), sich von Menschenblut ernähren müssen, die Furcht vor Silber, Kreuzen, Feuer, Holzpflöcken – es scheint mir eine sehr zerbrechliche Existenz.

Immerhin ist das Räuspern eine Reaktion. Vielleicht kann ich ihm doch noch mehr entlocken. Vielleicht hat er schlicht noch nicht begriffen, was ich gesagt habe. Vielleicht muss ich etwas eindeutiger werden.

„Ich habe das Fenster damals in Auftrag gegeben. Und die Skizzen dafür angefertigt.“

Jetzt muss er begreifen.

Stille.

Nicht einmal mehr ein Räuspern.

Ich mag den Priester dieses Jahrhunderts nicht.

Womöglich ist er so ignorant, dass er nicht einmal weiß, wie alt das Fenster ist. Schließlich habe ich bislang nicht mit ihm selbst zu tun gehabt, sondern nur mit einer Frau aus der Gemeinde, die sich im historischen Verein engagiert. Vielleicht hätte ich ihr meinen Wahrheitsmoment in diesem Jahrhundert schenken sollen. Zu spät.

Vielleicht hört er mir gar nicht zu, hängt seinen eigenen Gedanken nach und lauert auf den Moment, an dem er über die Buße entscheiden muss. Daran bin ich nicht interessiert. Ich brauche weder Vergebung noch Buße. Was ich brauche, ist ein Zuhörer. Ich muss etwas finden, das ihn aufrüttelt, aus seinem Schweigen lockt.

„Sie wissen bestimmt, aus welchem Jahrhundert das Fenster stammt.“

Endlich, ein leichtes Nicken. Womöglich hört er doch zu.

„Haben Sie auch erkannt, dass sich darin eine Triskele versteckt?“ Damals schien mir das so gewagt, ein keltisches Symbol in einer christlichen Kirche. Aber ich fühlte mich rebellisch – und war noch so jung.

Dieses Mal bekomme ich ein doppeltes Räuspern. Überraschung? Empörung? Oder – aber das kann nicht sein. Trotzdem. Das zweite Räuspern klang nach Zustimmung. Vorsicht, mahnen meine Zweifel. Weiter, drängt die Hoffnung. Die verdammte Unbeirrbare. Ein Mensch kann nicht lesen, was ich in der Triskele verborgen habe (unsere Symbole: Feuer und Luft; alle hundert Jahre, am Tag der letzten Sonnenwende, wenn alles endet und neu beginnt). Auf der anderen Seite herrscht wieder Schweigen. Als wäre nie etwas gewesen. Vielleicht habe ich mir das Räuspern auch nur eingebildet. Das zweite wenigstens. Das gehört zu dem, was Hoffnung dir antut. So streng ich mir das alles entgegenhalte, so spüre ich doch die winzigen Flammen unter meine Haut tanzen. Wie das Feuer drängt auch die alte Sprache aus mir heraus. Wenn ich jetzt den Mund öffne, wird nichts anderes herauskommen als mein Name.

Den Namen würde der Priester nicht verstehen. Das Zerspringen des Fensterglases hingegen würde er schnell begreifen und aus dem Beichtstuhl rennen. Was er sehen würde: Einen leeren Fensterrahmen und Glas in winzigen, bunten Splittern überall auf dem Steinboden verteilt. Denn auch diese Magie habe ich im Fensterglas verborgen. Mein Name, laut ausgesprochen, wird es zerstören. Ich war mir so sicher, damals. Nur jemand meiner Art würde ihn aussprechen. Und ich würde ihn nur in Gegenwart von jemandem meiner Art aussprechen. Dann, wenn die Botschaft nicht mehr gebraucht würde, weil sie gesehen und gelesen war. Weil ihr jemand gefolgt war und mich gefunden hatte. Damals kannte ich nur die Anfänge von Einsamkeit. Ich kannte die Sehnsucht danach nicht, meinen Namen zu hören. Wenigstens einmal von mir selbst geflüstert. Und so bin ich arrogant gewesen. Ich wob die Magie in das Glas, sodass ich nicht einmal selbst meinen Namen aussprechen kann – nicht schreien, nicht freundlich nennen, nicht einmal in den Wind raunen, weder hier noch am anderen Ende der Welt. Mein Name lässt die Botschaft zersplittern.

Also schließe ich die Augen und nehme den Kampf gegen die Sehnsucht auf.

Das nächste Räuspern zerrt an meinen Nerven. Ich will, dass er schweigt. Ich will, dass er spricht. Ich will hier sein, und ich will der Sehnsucht nachgeben, mich den Flammen in mir überlassen, bis sie allen Schmerz verzehrt haben. Mein Name brennt in mir. Er knistert und faucht, flüstert, flackert, lacht und brennt. Ich sage nichts und höre ihn.

Glas zerbirst.

Stadtmagie „Eine geheime Mission“, Teil 6

„So eine -“ Anne steckte das Handy weg, das sie automatisch aus der Tasche gezogen hatte. Exzentrisch war ja schön und gut, aber unerreichbar war schlicht unakzeptabel. Wer existierte heutzutage noch ohne Handy? Die Antwort war ebenso simpel wie nervig: Kjara Larson. Die Frau, von der ihr Vorgänger gesagt hatte: „Egal, wie verrückt sie dir oft vorkommen wird, du wirst gut daran tun, ihr zuzuhören.“ Und damit hatte Joost sich in die Rente verabschiedet. Aber wie sollte sie auf eine hören, die sie nicht mal erreichen konnte, wenn sie dringend mit ihr reden wollte? Sie würde dieser Frau ein Handy aufnötigen und wenn sie es persönlich kaufen musste! „Also gut, also gut, bleib ganz ruhig.“ Sie biss sich auf die Lippe. Das musste sie sich abgewöhnen. Dringend. Sowohl das Lippenbeißen als auch das laute Reden, wenn sie allein war. Sonst würde sie noch anfangen, sich für verrückt zu halten. Und den Gefallen würde sie denjenigen, die sie jetzt schon als durchgeknallt abschrieben, ganz bestimmt nicht tun.

Sie schluckte gegen die nächsten Worte an, die sich hinausdrängen wollten. Die Entwöhnung vom Beißen verschob sie auf später. Immer eins nach dem anderen. Sie zog ihr Handy wieder aus der Hosentasche und begann zu fotografieren. Die Zeichnungen an den Wänden waren komplett wirr. Aber sie würde jetzt nicht versuchen, das Labyrinth aus Linien zu entschlüsseln. Besser, sie konzentrierte sich weiter darauf, keine lauten Kommentare abzugeben. Immerhin konnte jederzeit jemand reinkommen. Dem Schlafsack und den noch frischen Essensresten nach lebte hier wer – oder war zumindest hier untergekrochen. Anne würde es eindeutig vorziehen, wenn sie diejenige war, die die Überraschung auf ihrer Seite hatte. Besser noch: wenn sie diejenige auf einem gut verborgenen Beobachtungsposten war, wenn, wer immer hier Unterschlupf gefunden hatte, von seinem oder ihrem Ausflug zurückkam.

Sie schoss ein letztes Bild und steckte das Handy zurück in die Hosentasche. Es juckte sie in den Fingern, hier alles zu durchsuchen, aber dazu brauchte sie eine Genehmigung, sagte ihr Gewissen – und wenigstens eine Person zur Verstärkung, um die Tür zu überwachen, meldete die Vernunft. Anne seufzte. Sie schaute sich ein letztes Mal um: Schlafsack in der linken Ecke gegenüber der Tür, ein Apfel, zwei Bananen, ein halbes Brot auf dem Tisch unterm Fenster, ein elektrischer Wasserkocher – also gab es hier Strom – Teebeutel und Instantkaffee. Sie verzog das Gesicht. Ein Stapel Bücher und Notizbücher und Stifte nahmen die andere Hälfte des Tischs ein. Darunter lag ein Haufen mit Klamotten und Decken und wer weiß was sich darunter noch verbarg.

An der Wand neben der Tür, links, ein Regal voller Einmachgläser, alle gefüllt, und auf der rechten Seite von der Tür, die Zeichnung mit den wirren Linien. Die hatte sie sicher. Zeit zu verschwinden.

 

… Fortsetzung folgt! (Sorry, in nächster Zeit eher unregelmäßig, der nächste Roman will geschrieben werden …)

Stadtmagie „Eine geheime Mission“, Teil 5

Vor der Tür zur Station stand ein Polizist, den sie nicht kannte. Natürlich. Kjara zwang sich zu einem Lächeln und erklärte ihm ruhig, dass sie umgehend zu den Komapatienten musste. Die Ungeduld kribbelte von innen gegen ihre Haut und wollte hinaus, wollte den Polizisten zur Seite stoßen, über den Gang rennen, alle, ohnehin unnötigen, Hygienevorschriften ignorieren und endlich, endlich die Wesenheit, die in ihrer Hand immer schwächer pulsierte, wieder mit ihrem Körper verbinden. Doch gleichgültig wie ruhig und vernünftig sie redete, der Polizist schüttelte den Kopf.

„Tut mir leid, ich kann Sie nur durchlassen, wenn Sie auf der Liste stehen.“ Er lächelte. Vollkommen desinteressiert. „Und Sie stehen nicht auf der Liste.“

Kjara hielt ein Fauchen zurück. Mit Mühe. „Wenn Sie so freundlich wären, Anne Peters anzurufen? Die wird Ihnen bestätigen, dass ich hier Zugang habe.“ Wenigstens mit der Faust gegen die Wand schlagen! Kjara hielt die Finger still. Lächeln. Atmen. Die dunkle Kugel pulsierte an ihren Fingerkuppen. Sie lauschte auf den schwachen Puls. Den musste sie beschützen. Sonst nichts.

„Das kann ich nicht tun.“

Sie könnte ihn mit einem Schlag vernichten. Ihn auslöschen, bevor er wieder den Kopf schütteln könnte. Er hatte ja keine Ahnung, wie leichtfertig er hier mit dem Tod spielte. Dem derjenigen, die er beschützen sollte. Seinem eigenen. Ihrem – wenn sie ihn wirklich umbrächte. „Bitte.“

„Sonderermittlerin Peters ist in einem Einsatz, in dem sie nicht gestört werden darf.“

Kjara drehte sich um und ging. Sie konzentrierte sich einzig und allein auf das Pulsieren der dunklen Kugel. Nichts anderes zählte. Sie hielt ein Leben in ihrer Hand, und das würde sie beschützen. Wenn ihr das gelungen war, konnte sie wieder an alles andere denken. Zum Beispiel daran, mit einem Mord davonzukommen.

Im Treppenhaus eilte sie ein Stockwerk höher. Hier stand niemand Wache. Leichtsinnig. Aber darüber würde sie sich bestimmt nicht beschweren.

 

… Fortsetzung folgt am: Mittwoch, 20.05.2015

Stadtmagie „Eine geheime Mission“, Teil 3

Sie erwischte das Leuchten beim letzten Wort, mit dem es erlosch. Doch sie spürte es, eine dunkle Kugel, die sicher zwischen ihren Händen ruhte.

Sie zog sich zurück. Schwankte, als ihre Magie sich wieder in ihrem Körper sammelte. Das war knapp gewesen. Und schwieriger als es hätte sein dürfen. Ja, die Adern der Magie dieser Stadt waren zu lange vernachlässigt worden und unterbrochen und verstopft. Deswegen war sie schließlich hier, um das Aderngeflecht der Magie in der Stadt zu reparieren. Stück für mühsames Stück. Doch dieses Mal hatte sie noch eine andere Macht im Geflecht gespürt. Nun, irgend jemand musste diesen leichtsinnigen Menschen ihre Wesenheiten gestohlen haben. Und dieser irgend jemand legte es darauf an, ihr das Leben noch schwerer zu machen. Kjara hielt die Hände schützend um die kühle dunkle Kugel. Immer ein Schritt nach dem anderen.

Mit einer Geste löste sie die Menschen um sich herum aus der Starre. Sie machten alle an genau der Stelle weiter, an der sie gestoppt hatten. Niemand wunderte sich, niemand schöpfte Verdacht. Vielleicht bemerkten sie nicht einmal, dass sie einen Teil der Strecke verpasst hatten. Oder sie meinten, sie wären kurz eingenickt.

Die Bahn quietschte, verlangsamte die Fahrt. Stoppte.

Kjara stieg aus. Stadtmitte. Hier musste sie umsteigen, wenn sie zum Krankenhaus wollte. Hoffentlich ließ man sie zu dem Patienten – und dann mit ihm allein. Eine Wesenheit stiftete gewöhnlich Verwirrung, nachdem sie in einen Körper zurückgegeben wurde, von dem sie länger getrennt war. Besser, wenn sie dabei keine Zeugen hatte. Es wäre wirklich um einiges leichter, wenn die Menschen hier um Magie wüssten. Aber sie war nicht hierher geschickt worden, um es leicht zu haben. Sie arbeitete hier eine Strafe ab.